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Standard, 3. 11. 96


„Alle an Deck! Österreicher!“

In der Ostsee gelten Segler aus Österreich immer noch als Exoten. Aber der Norden hat seine Reize. Es muß nicht immer Adria sein.


Drei Hosen, mehrere Schichten Pullover, Handschuhe, Wintermütze, Anorak und eine Wärmflasche für den Rudergänger. So kalt kann ein Frühlingstörn in der Ostsee sein. Kurze Hose, T-Shirt, Sonnenbrille. So warm und sonnig allerdings auch.
Wer denkt im Herbst oder Winter, wenn Segler ihre Frühjahrstörns planen, schon an die Reviere zwischen Dänemark und dem bottnischen Meerbusen, der immerhin bis fünfzig Kilometer an den Polarkreis heranreicht? "Die Österreicher fahren nicht in den Norden", das Credo der hiesigen Outgoing-Touristiker gilt auch für Segler.
Aber die Ostsee ist für jedes Wetter und jede klimatische Überraschungen gut. Der bekannte deutsche Weltumsegler Wilfried Erdmann hat über einen Segelsommer in der Ostsee genau Wetterbuch geführt. Ergebnis: Von 144 Reisetagen zwischen dem 7. Mai und dem 23. September hat es nur an 14 Tagen geregnet. Die mittlere Tagestemperatur betrug 22 Grad. Je nördlicher, desto heißer wurde es. Ganz droben im Norden dreißig Grad.


Südfrüchte und Exoten
Die zweite klimatische Überraschung: Auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm gedeihen sogar typische Südfrüchte wie Feigen, Pfirsiche oder Trauben.
Mitte Mai ist auf Bornholm noch nicht viel los. Gerade zwei Yachten lagen mit uns in Hammershus (Hammerhafen). "In zwei, drei Wochen", weiß unser ostseekundiger deutscher Skipper, "liegen hier alle im Päckchen". Auch das spricht für einen Frühlingstörn.
Man kommt ins Gespräch. "Österreicher?", fragt einer aus der Crew der zweiten Yacht ungläubig. "Ja." Gebrüll setzt ein. "Alle an Deck! Segler aus Österreich." Wir sind verwundert und geben patriotischen Geschichtsunterricht. "Große maritime Traditionen, erst seit lumpigen acht Jahrzehnten Binnenland, Adria, Maximilian von Mexiko, Triest, Miramare, Pula, Tegetthoff, Payer, Franz-Josefs-Land, ..."
Es hilft alles nichts, wir gelten hier weiterhin als Exoten. Entsprechend viele gute Ratschläge sind die unvermeidliche Folge.
Hammerhafen ist eine von vielen Anlegemöglichkeiten auf Bornholm. Mächtig prangt zwanzig Gehminuten über dem Hafen die Hammerfestung. "Nordeuropas größter Ruinenkomplex", steht im Prospekt. Vermutetes Baujahr 1255.
Wer Hinkelsteine bisher nur aus "Asterix und Obelix" kennt, kann hier endlich einen in freier Landschaft bewundern. Er steht vor der "einzigen gut erhaltenen mittelalterlichen Burgbrücke Dänemarks" . Sie nennen das Prachtstück schlicht "Gedenkstein zur Erinnerung an die Befreiung von schwedischer Herrschaft" (1658). Für uns aber ist es zweifelsfrei ein echter Hinkelstein. Basta!
Nach Südschweden sieht man von Bornholm mit freiem Auge. Das dänische Festland hingegen ist weit. Deshalb ist man hier besonders dänisch.
Die 587 Quadratmeter große fruchtbare Insel hat viel zu bieten. Kilometerlange sanfte weiße Strände mit einem Sand, so fein, daß er für Eieruhren und Stundengläser verwendet werden kann. Wilde messerscharfe Klippen, Kunst und Keramik, ausgedehnte Wälder und die Zeugnisse einer Geschichte aus fünftausend Jahren Besiedelung.


Kleinode im nordischen Licht
Die östlichsten Inseln Dänemarks erreicht man von Bornholm aus mit einem kurzen Schlag von zehn Seemeilen. Die "Ertholmene" (Erbseninseln) sind wirklich so klein, wie ihr Name nahelegt. Erbsen auf der Seekarte. Zusammen 114 Einwohner wohnen auf den zwei nur durch einen kleinen Steg getrennten "Hauptinseln" Christiansö und Frederiksö. Der einst kriegerische Flottenstützpunkt ist heute ein zur Gänze natur- und denkmalgeschütztes Vogelparadies. Im Sommer stapeln sich im kleinen Hafen Yachten. Tausende Besucher werden täglich mit großen Ausflugsfähren herangeschifft.
Der unachtsame Besucher stolpert fast über Eiderenten, die direkt neben den schmalen Inselwegen brüten. Zweitausend sind hier und zeigen keinerlei Scheu. Werden sie gestört und verjagt, fallen die Möwen über Eier und Brut her. Auch deshalb ist es verboten, Katzen und Hunde mit an Land zu nehmen. Solche Vogelstörer gibt es auf den Erbseninseln nicht. Angeblich nicht einmal Ratten. Statt dessen aber das einzige Sondergefängnis der dänischen Geschichte für politische Gefangene. Den politisch kultivierten Dänen ist das peinlich. Sie berichten drüber mit der Bitte um Nachsicht und dem Versprechen, daß das nie wieder vorkommen wird.
Das wirklich Besondere an den Inseln aber ist das Licht. Mild und intensiv zugleich ruht es auf Natur, Architektur, Wasser und Booten. Die Erbseninseln sind nach einer Periode der Bedeutungslosigkeit von Kunstmalern wieder entdeckt worden. Anders hätte es auch gar nicht kommen können.


Heiligenhafen ist Zentrum des Yachtsports
Wie kommt man als Chartersegler in dieses Revier? Eines von vielen Zentren des Yachtsports an der deutschen Ostseeküste ist Heiligenhafen, eine knappe Autostunde nördlich von Lübeck. Hier liegen jede Menge Charteryachten. Unsere ketschgetakelte Jouet 1300 (12,80 mal 4,25m) kostete pro Woche in der Vorsaison (bis 19. Mai) 2.800 DM , in der Hauptsaison 3.200 DM. Sieben Personen haben ausreichend Platz. Alles ist bestens in Schuß. Endreinigung machen in der Regel die Crews selbst. Und dies mit wohltuender deutscher Gründlichkeit. Die Kontrolle bei der Rückgabe ist sehr genau. Sogar ein Taucher watschelt eilig herbei und prüft penibel das Unterwassenschiff.
Von Heiligenhafen aus gibt es tausend und eine Möglichkeit für Törns in der Ostsee. Die traditionellen Reviere, wie die "dänische Südsee" oder die diversen Schärenlandschaften vor den Küsten Schwedens und Finnlands mit zehntausenden Granitinseln haben seit dem Fall des eisernen Vorhanges Ergänzung bekommen. Rügen, Danzig, die baltischen Staaten oder St. Petersburg können jetzt auch problemlos angelaufen werden. Zeit braucht man halt dafür.
Wir wählten Nordost-Kurs auf die schwedische Südküste. Ein langer Schlag von gut hundert Seemeilen und 26 Stunden führte uns nach Kaseberga. Eisige Kälte in der Nacht, viel Nebel, viel Schiffsverkehr und viel Nebelhorn-Getröte aus allen Richtungen sorgten für Aufmerksamkeit, Spannung und eine gründliche Wiederholung aller Ausweichregeln und Schallsignale.
Im Morgengrauen begleiteten uns kleine Vögel. Vielleicht ging auch ihnen auch die Kälte an die Substanz. Vielleicht waren sie nur müde und erschöpft, jedenfalls überhaupt nicht scheu. Auf zwanzig bis dreißig Zentimeter kommen sie heran, lassen sich fotografieren und suchen Windschutz dicht neben den Füßen des Rudergängers. Besonders Kecke entdeckten die Wärme unter Deck und hielten sich ungeniert eine Zeitlang dort auf.


Wikinger-Kultstätte in Südschweden
Nach Kaseberga fährt man der alten Wikinger wegen. Unweit des kleinen Hafens mit ein paar Buden und einer Fischräucherei, die einschlägige Liebhaber zu exzessiven Kaufräuschen verführt, ist eine seltene "Wikinger-Schiffslegung" zu bestaunen. Riesige Steinblöcke, angeordnet in der Form eines Schiffes auf einem grünen Hügel über dem Meer. Der herbe, geheimnisvolle Kultplatz bringt die Phantasie zum Tanzen.
Von offenen EU-Grenzen ist wenig zu bemerken. Der Zoll kommt mit drei Mann und einer Frau anmarschiert. Genaue Befragung. Wieviel Wein, Bier, Zigaretten sind an Bord? Was man auch wissen muß: Es ist verboten, offene Kartoffel und Geflügel einzuführen oder auch nur an Bord zu haben. Nur Konserven gehen in Ordnung.
Von Kaseberga zu den schon erwähnten Erbseninseln sind es dann gemütliche 32 Seemeilen. Bei halbwegs guten Bedingungen sind Segler so früh am Tag dort, daß sich Christiansö und Frederiksö noch genießen lassen. Die Tage sind im Norden sehr lang.
Hätte man jetzt viel Zeit, dann würde es weiter ostwärts gehen.
Bei einem Wochentörn aber heißt es spätestens nach dem Anlaufen von Kaseberga, Erbseninseln und Bornholm wieder auf Südwest-Kurse gehen. Für den langen Schlag zurück nach Heiligenhafen bieten sich je nach Laune des Windes Saßnitz auf Rügen, das dänische Gedser oder Nöm als Stationen an.
Und dann ist eine Woche um. Vergleiche mit dem bevorzugten Segelrevier der Österreicher, dem Mittelmeer, sind müßig. Aber auf zwei Gemeinsamkeiten kann doch hingewiesen werden. Mißweisung und Gezeiten sind hier in der Praxis ebenso zu vernachläßigen wie dort. Die Umstellung ist also nicht so groß.
Es muß wirklich nicht immer Adria sein.


Schafen


Heinrich Breidenbach


Literatur: Wilfried Erdmann, "Ostsee-Blicke - ein Segelsommer mit Kathena 7", Delius Klasing Verlag, Bielefeld 1995.


Fototexte:

- Die Erbseninseln. Kleinode im nordischen Licht. (1)
- Stiege mit Unterhosen auf Christiansö (2)
- "Schiffslegung" der alten Wikinger in Kaseberga, Südschweden (3)
- Kleine Vögel als zutrauliche Begleiter (4,5)
- Der kleine Frechdachs wärmt sich seelenruhig unter Deck (6)
- Die "Hammerfestung" auf Bornholm. "Nordeuropas größter Ruinenkomplex" zwanzig Gehminuten über der Anlegestelle (7,8)
- Ein "echter" Hinkelstein. Basta! (9)
- Dicker Nebel. Vor jedem Ostseetörn empfiehlt sich eine Wiederholung von Schallsignalen und Ausweichregeln. (10)

Alle Fotos: Heinrich Breidenbach


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