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Lissabon: Eine Stadt der Gegensätze

Ein paar Eindrücke von der Stadt am Tejo


Viel große Vergangenheit, viel Verfall und große Zukunftspläne. Viel Lärm und stille Menschen. Reichtum und Armut. Viele Afrikaner und wenig Rassismus. Trubel, Kultur und Gelassenheit.


Von Heinrich Breidenbach


Besucherprogramm. Die alten verwinkelten Stadtviertel auf den Hügeln Lissabons gehören jedenfalls dazu. Das verwinkelte "Bairro Alto" etwa, oder das ehemalige Maurenviertel mit dem schönen arabischen Namen "Alfama", der Brunnen. Man nimmt die "Eléctrico", eine Straßenbahn aus der Pionierzeit dieses Verkehrsmittels. Sie kämpft sich kreischend, quietschend und holpernd durch die engen, steilen Gassen. Eine Lärmquelle.Die Menschen aber in den immer überfüllten Garnituren mit 24 Sitzplätzen sind ganz anders. Leise, zurückhaltend, geduldig. Es gibt kein Gedrängel und kaum ein lautes Wort.
Lissabon ist ein Ort der Gegensätze. Einer davon ist der zwischen der lauten Stadt und ihren leisen, zurückhaltenden und geduldigen Bewohnern.
Ein erster schneller Blick auf Lissabon zeigt das Bild einer (süd)europäischen Metropole. Lärm, Verkehr, große Plätze, enge Gassen, Bewegung. Ein zweiter, langsamerer Blick auf die Menschen überrascht. Die Portugiesen sind anders. Keine feurigen Südländer, den kühlen Briten ähnlicher, als den Katalanen oder den Italienern.
Ausnahmen bestätigen die Regel. Die eine sind die Portugiesen als Autofahrer. Vorsicht! Eine andere sind die Losverkäufer. Es gibt viele von ihnen. Darunter auch etliche, die ihre winzigen Chancen auf schnellen Reichtum mit lautsprecherähnlichen Stimmqualitäten an Mann und Frau bringen. Mit Erfolg. Lose verkaufen sich gut.


Keine Stadt der Fassaden
Lissabon ist keine Stadt der Fassaden. Es lebt mit seinen Widersprüchen und macht sich selbst und seinen Besuchern nichts vor. Ob Armut und Reichtum, Verfall, Bedeutungslosigkeit oder Größe, die extremen Gegensätze sind im Stadtbild präsent.
Bettler in großer Zahl sind ebenso selbstverständlicher und unaufdringlicher Bestandteil eleganter Einkaufsmeilen wie Schuhputzer oder Parkplatzeinweiser.
Vor fünfhundert Jahren war Lissabon die reichste Stadt Europas. Die Mündung des Flusses Tejo in den Atlantik baucht sich vor der Stadt zu einem riesigen, natürlichen Hafen. Von hier aus wurden die großartigen seemännische Leistungen erbracht. Von hier lief Vasco da Gama aus, um den Seeweg nach Indien zu finden. Portugal war Handels- und Seemacht. Teile Afrikas und Südamerikas (Brasilien) wurden von hier aus kolonialisiert. Nach hier kamen die Reichtümer zurück. Das prunkvolle Hieronymuskloster im Stadtteil "Bélem", nicht umsonst ein Fixpunkt in jedem Besucherprogramm, konnte allein aus Mitteln einer Steuer auf die Gewürze aus Indien finanziert werden.


Seemanstradition und verspieltes Hobby
Nicht weit davon will eine "moderne" Reminiszenz an Lissabons große Zeit die Bewunderung der Besucher erheischen. Direkt am Ufer des Tejo sticht König "Heinrich der Seefahrer" mit Gefolge noch einmal in See. Das monumentale, heroisierende "Denkmal der Entdeckungen" macht die Schwierigkeiten sichtbar, nationalen Stolz in ansprechende Architektur und Kunst zu übersetzen. Wo gelingt dies schon mit Eleganz und Anstand?
Das große Denkmal erfährt gleich nebenan seinen typisch Lissaboner reizvollen Gegensatz. Die große seemännische Tradition pflegen Männer mit einem offenbar sehr beliebtem Hobby. Konzentriert, leise und versunken lassen sie stundenlang per Fernsteuerung aufwendig konstruierte kleine Modellsegelschiffe auf einer künstlichen Wasserfläche kreuzen.


Verhaltene Stimmung
Die reichste Stadt Europas blieb Lissabon nicht lange. Auf seine Blütezeit folgte die Besetzung Portugals durch die Spanier. Auf die wieder gewonnene Unabhängigkeit folgte die größte Katastrophe in der Geschichte der Stadt, das verheerende Erdbeben von 1755. Der Aufbau nach dem Erdbeben ging noch zügig von statten. Trotzdem: Portugal und Lissabon mußten letztlich einen stetigen Bedeutungsverlust bis hin zum "Armenhaus Europas" hinnehmen. Kenner Lissabons und Portugals, erklären damit die besondere Stimmungslage der Bewohner dieser Stadt. Sie wird mit Hilfsworten wie Schwermut, Schicksalsergebenheit, Traurigkeit oder Melancholie umschrieben.
An dieser Stelle muß jetzt der Hinweis auf den berühmten und für Lissabon typischen "Fado" kommen. Traurige, melancholische Musik spät am Abend in unzähligen Lokalen. "Fado" steht draußen angeschrieben für die Touristen. Echte Portugiesen weinen angeblich oft mit dem "Fado" mit. Echte Touristen sitzen da und wissen nicht recht, ob der "Fado", den sie gerade hören, nun wirklich "echt" ist. Schwierig.


Eine Million Afrikaner
Im April 1974 ging mit der "Nelken-Revolution" gegen das faschistische Salazar-Regime auch das koloniale Zeitalter Portugals zu Ende. Die Kosten-Nutzen Rechnung mit den afrikanischen Kolonien hatte schon längst nicht mehr gestimmt. Über die Hälfte des Staatsbudgets verschlang der nicht zu gewinnende Krieg gegen die Unabhängigkeitsbewegungen in Angola und Mocambique.
Dieser Abschnitt seiner Geschichte hat Lissabon bunter gemacht. Hier gibt es mehr Afrikaner, als in jeder anderen Stadt Europas. Portugal hat bei einer Gesamteinwohnerzahl von acht Millionen über eine Million Afrikaner aufgenommen. Ein Problem? Alle Gesprächspartner verneinen dies. Für Rassismus und Fremdenangst, so hört der Österreicher überrascht, seien die Portugiesen nur wenig anfällig. Wenn das auch nur zur Hälfte stimmt, ist es schon gut.


Ausflugsziel Höllenschlund
Lissabon, so steht es in den Reiseführern, integriere die zunehmenden Touristenströme noch in seinen eigenen Rhytmus. Die Stadt gehöre noch ihren Bewohnern. Die Stadt für die Touristen unterscheide sich noch nicht wesentlich von der Stadt für die Einheimischen.
Im wunderschönen Kreuzgang des Hieronymusklosters, oder vor dem "Turm von Belém", einem Wahrzeichen Lissabons am Tejo, oder in den Restaurants mit mehrsprachigen Speisekarten wo draußen "Fado" draufsteht, hat man diesen Eindruck nicht mehr. Es kommen sehr viele Menschen als Touristen nach Lissabon. Sie haben ihre Pflichtprogramme, und sie prägen die Stadt mit.
Die Pfade der Touristen führen in Lissabon immer auch in die Umgebung. In den Wallfahrtsort Fatima, zu den Badeorten Estoril und Cascais, zum "Boca do Inferno", dem Höllenschlund, wo sich der Atlantik zischend und gurgelnd ein Tor in die Felsküste gespült hat, nach Sintra zum Königspalast, und vieles andere mehr.
Tagestouren für Touristen in die Umgebung werden in jedem Hotel angeboten. Der Vorortezug nach Cascais und die vielen Buslinien sind dazu eine echte Alternative.
Kindische Menschen haben immer auch ein besonderes Ziel in der Umgebung von Lissabon: Den "Cabo da Roca", den westlichsten Punkt des europäischen Festlandes. Zu sehen gibt es im Wesentlichen dort auch "nur" den Atlantik und die Küste. Dafür gibt es eine hochoffizielle persönliche Urkunde für jeden der dort war. Und das sind viele.
Ein letzter Tip für Kindsköpfe: Vor dem Traditionskaffeehaus "a Brasileira" im Stadteil "Chiado" sitzt geduldig in Bronze an einem kleinen Tischchen der Dichter Fernando Pessoa. Zu Lebzeiten saß er auch dort. Man kann sich zu ihm an den Tisch setzen und einen ausgezeichneten Kaffee, ein Glas Portwein oder einen Schnaps trinken. Ein Foto gibt das allemal her.


Heinrich Breidenbach


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