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Salzburger Fenster, Nr. 29-1999


Der Berg als Jungbrunnen

Österreichische Höhenmediziner erforschen die spezifischen gesundheitlichen Wirkungen von Aufenthalten in mittleren Höhen.


Von Heinrich Breidenbach


Was ist an einem Urlaub in den Bergen eigentlich gesund? Eine exakte Antwort gibt es bisher nicht. Die Freizeit- und Höhenmedizin ist selbst im alpinen Urlaubsland Österreich eine sehr junge und wenig geförderte wissenschaftliche Disziplin. Das soll sich ändern. Seit drei Jahren forscht ein Medizinerteam im Rahmen des Projekts "AMAS 2000" (Austrian Moderate Altitude Study) über die gesundheitlichen Effekte von Bergurlauben in mittleren Höhen.


Für eine erste systematische Datensammlung wurden im Herbst 1998 22 ausgewählte Männer zwischen 39 und 65 Jahren während eines dreiwöchigen Aufenthaltes in Lech am Arlberg wissenschaftlich begleitet. Die Männer litten an zivilisationsbedingten gesundheitlichen Problemen wie Übergewicht, Bluthochdruck oder zu hohen Zucker- und Fettwerten im Blut. In Lech am Arlberg taten sie, was Millionen andere Urlauber in den Alpen auch tun. Sie absolvierten einen üblichen Bergurlaub mit Wanderungen und Spaziergängen zwischen 1400 und 2000 Höhenmetern.


An den 22 Versuchswanderern wurden bis zu 200 medizinische Parameter pro Tag gemessen und ausgewertet. Die ersten Ergebnisse lassen den Bergurlaub als Jungbrunnen erscheinen.


- Herz und Kreislauf reagierten positiv. Bei den Versuchspersonen konnten blutdrucksenkende Medikamente verringert oder sogar abgesetzt werden.
- Die Blutzucker- und Blutfettstoff-Wechselsituation verbesserte sich.
- Bei Normalkost verloren die 22 Männer durchschnittlich zwei Kilogramm Körpergewicht, und zwar vornehmlich Körperfettmasse. Körperwasser und Muskelmasse blieben unverändert.
- Die gesamte Lebenseinstellung wurde positiver. Diffuse subjektive Beschwerden gingen deutlich zurück.
- Die mittleren Reaktionszeiten verbesserten sich anhaltend.
- Die Schlafqualität, die Schlafdauer und die Durchschlaffähigkeit nahmen deutlich zu.
- Der Anteil der jungen roten Blutköperchen erhöhte sich bei gleichbleibender Gesamtzahl der roten Blutkörperchen stark und dauerhaft. Dies verbessert die Sauerstofftransportfähigkeit des Blutes.


"Milder Sauerstoffmangel"
Wissenschaftlich schlüssige Erklärungen zu den von ihnen erhobenen Parametern haben die Mediziner noch nicht. Das Geheimnis des Erholungswertes von Bergurlauben schreiben sie vornehmlich dem "milden Sauerstoffmangel" zu. Der Organismus habe die Fähigkeit, sich nach einer ersten Phase stärkerer Aktivität "wirtschaftlich" auf diesen "milden Sauerstoffmangel" einzustellen. Der Gesamtverantwortliche für das Forschungsprojekt, der Vorarlberger Internist Univ. Prof. Egon Humpeler vergleicht den Bergurlauber mit einem Motor. "Zuerst dreht er auf, um voll auf Leistung zu kommen, dann aber am Ende eines Höhenaufenthaltes läuft er ruhig und erbringt mit niedrigerer Drehzahl die gleiche oder sogar die bessere Leistung".
Das AMAS-Forschungsprojekt wird von der Tourismuswirtschaft finanziert. Die Kosten teilen sich die Österreich-Werbung, die Tourismus-Gesellschaften der Bundesländer Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Kärnten, die Pilotgemeinden und das Wirtschaftsministerium. Selbstredend sind die Financiers an werbewirksam verwertbaren eindeutigen Aussagen interessiert. Der weltweite Fitness und Körperkult soll endlich auch beim alpinen Wandern ankommen. Das Forscherteam hat diesem Erwartungsdruck bisher standgehalten und war mit der Publikation und Bewertung der ersten Ergebnisse sehr zurückhaltend.


Vergleich Berg und Flachland
Eine entscheiende Frage ist bisher nämlich unbeantwortet geblieben. "Wir wissen noch nicht", so der Innsbrucker Höhenmediziner Univ. Dozent Wolfgang Schobesberger, "welche von den positiven gesundheitlichen Effekten wir exakt dem Aufenthalt am Berg zuschreiben können, und welche dem Urlaub selbst, dem allgemeinen Ausspannen und Tapetenwechsel. Einstweilen, das müssen wir klar betonen, gelten unsere Ergebnisse nur für beides zusammen, für den Bergurlaub.Wenn jemand sagt, ein Adria-Urlaub hat auch positive Effekte, hat er sicher recht. Es geht jetzt darum, die ganz spezifische Wirkung der mittleren Höhen herauszufiltern. "
Im diesjährigen September lief daher eine zweite Runde im Feld. Zwei Urlaubergruppen wurden drei Wochen lang wissenschaftlich begleitet und täglichen Tests und Messungen unterzogen. Diesmal war es eine 40-köpfige Gruppe im alpinen1700 Meter hoch gelegenen Salzburger alpinen Urlaubsort Obertauern und eine ebenso große Kontrollgruppe im burgenländischen Kurort Bad-Tatzmannsdorf (200 Meter). Die Unterschiede sollen die spezifischen Wirkungen der mittleren Höhe erhellen.
Noch in diesem Jahr wollen die Forscher in den Ring des wissenschaftlichen Diskurses steigen. Ende November soll die gesamte Studie im "Jahrbuch der Höhenmedizin" publiziert werden.


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