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Salzburger Fenster, Juni 2002


Stolz und glücklich auf dem Pferd

Der Umgang mit Tieren tut schwerbehinderten Kindern gut


Ängste verschwinden, das Reden fällt plötzlich leichter, Bewegungen werden runder. Vier schwerbehinderte Kinder aus dem Sonderpädagogischen Zentrum in Köstendorf besuchen regelmäßig Tiere auf Gut Aiderbichl. Sie machen dort tolle Fortschritte.


So stark, so groß und so gutmütig. Romus lässt sich durch das Gewusel von vier schwerbehinderten Kindern, drei Betreuerinnen, einem neugierig herumsausenden Schwein, einem lästigen Journalisten, einem Fotografen und einem hungrig miauenden Kater nicht aus der Ruhe bringen. Man könnte fast meinen, der stämmige Noriker genießt es ein bisschen, sosehr im Mittelpunkt zu stehen. Wäre er nicht hier, wäre er beim Pferdemetzger gelandet. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die zwölfjährige Katharina hat panische Angst vor Krankenhäusern und Ärzten. Bei Romus darf sie selbst Frau Doktor sein und die Fesseln des Tieres mit einer Salbe einschmieren. Johannes tut sich sehr schwer, seine Bewegungen zu koordinieren. Er striegelt das Pferd. Das gehört sich so, wenn man später reiten will. Mit jedem Bürstenstrich werden seine Bewegungen runder und fließender.
Der 13-jährige Alexander zittert derweil schon vor Aufregung und Erwartung. „Luft“, „Luft“ ruft er und zeigt stolz abwechselnd auf den elektrischen Pferdestaubsauger und auf sich selbst. Das ist sein Gerät, mit dem er Romus das Fell bürsten darf. Der erste Zweiwortsatz im Leben des 13-jährigen Alexander war: „ist Luft“.
Einzig Pauli hält sich zurück, er hat schon anderes im Sinn. Sein spezieller Freund ist Alexis der Esel. Die beiden verstehen sich prächtig. Der Esel ist mit ihm am allerwenigsten störrisch. Vor ein paar Wochen, bei einem Spaziergang führte Pauli Alexis ein Stück weit vor den anderen. Allein mit dem Esel redete er, was er sonst wenig tut. „Auto kommt“, rief er plötzlich den anderen zu. So deutlich und so klar, wie noch nie zuvor in seinem Leben. Es kam wirklich ein Auto.


„Tiere sind konsequente Lehrmeister“
„Die Kinder sind glücklich mit den Tieren und machen hier enorme Fortschritte“ weiß die Leiterin des Projekts, Sonderschullehrerin Barbara Kirchtag vom Sonderpädagogischen Zentrum Köstendorf. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Maria Simmerstätter arbeitet sie seit März dieses Jahres regelmäßig mit vier schwerstbehinderten Kindern auf dem Gut Aiderbichl von „Tierdiplomat“ Michael Aufhauser in Henndorf.
„Tiergestützte Pädagogik“, sagt die Fachsprache zum Umgang von Kindern mit Tieren. „Tiere sind gute und konsequente Lehrmeister“, erläutert Frau Kirchtag. „Der Umgang mit Tieren, das Füttern, Striegeln, Putzen, Streicheln und Reden fördert die soziale Kompetenz, das Verantwortungsgefühl, die Selbstständigkeit, die motorische Entwicklung, sogar die Sprachentwicklung.“


Behinderter Kleintierflüsterer
Die Idee wurde aus der Praxis geboren. Roland, ein behinderter Jugendlicher und ehemaliger Schüler des Sonderpädagogischen Zentrums Köstendorf hat auf Gut Aiderbichl eine Heimat gefunden. Er ist dort der „Kleintierflüsterer“ mit einer guten und sehr brauchbaren Hand für Gänse, Ziegen, Katzen, Schweine etc. geworden. „Das hat uns auf die Idee gebracht, auch andere behinderte Kinder mit den Tieren zusammenzubringen“, erinnert sich Frau Kirchtag. „Herr Aufhauser hat uns das prompt ermöglicht.“
Michael Aufhauser, Besitzer von Gut Aiderbichl, hält das Projekt für „wunderbar passend zu unserer Idee einer Heimstatt für Tiere mit einer schlechten Geschichte. Wir wenden hier ja nicht nur Tiertragödien ins Positive, sondern wollen auch die enge und vielfältige Schicksalsgemeinschaft zwischen Tier und Mensch deutlich machen.“
Das gelingt. Aufrecht, groß und als stolze Reitersleute sitzen die Kinder auf dem breiten Rücken des starken Romus. Ohne Sattel spüren sie am Besten die Bewegungen des Pferdes. Verspannungen lösen sich. Das Festhalten an der Mähne wird immer lockerer. Ängste verschwinden. Die kleine Katharina hat sogar schon ein paar Kunststücke gelernt, weit vor- und zurücklehnen, kurz in den Damensitz gehen oder mit ausgestreckten Händen die Balance halten.
Es ist eine Freude zuzusehen.


Heinrich Breidenbach


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