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Salzburger Fenster, 5. Mai 1999, Ausgabe 12-99


Liebesdrama unter Geiern


„Verlobter“ der Rauriser Bartgeierdame vermisst


Seit drei Jahren ist der Liebhaber der im Krumltal bei Rauris ansässigen Bartgeierdame vermisst. Nicola wird schon ein wenig grantig und duldet keinen anderen Mann im Revier. Die Zoologin Nina Roth-Callis leidet mit.


Normalerweise haben sich Geier in ihrem Alter schon längst einen Partner fürs leben auserwählt. Aber es hat sich eine Tragödie ereignet. Nicola liebte Paradatsch, einen jungen Geier russischer Abstammung. Die beiden waren gewissermaßen "verlobt". Bartgeier nehmen Liebesbeziehungen sehr ernst. Sie sind ein Leben lang treu. Doch Paradatsch entschwand eines Tages in den heiteren Himmel und ward seither in den ganzen Alpen nicht mehr gesichtet. Das war vor drei Jahren.
Nicola wird seither immer grantiger. Wenn ein junger Geier vorbeischaut, stampert sie ihn in erbittert geführten Luftkämpfen aus ihrem Revier. "Sie bräuchte", weiß die Zoologin Nina Roth-Callies, "einen gestandenen Geier, der ihr ebenbürtig ist". So einfach ist das aber nicht. Die "Geiwerwally", so wird Frau Roth-Callies in Rauris und Umgebung genannt, ist schon auf Bräutigamschau gegangen. Sie überblickt den Bartgeier-Heiratsmarkt der Alpen. "Es gibt nur drei freie junge geschlechtsreife Geier, einer davon hat im Tiroler Lechtal sein Revier." Aber niemand lässt sich zu seinem Glück zwingen. Zwischen dem Tiroler Lechtal und dem Krumltal bei Rauris will und will sich kein interessierter Flugverkehr einstellen. Roth-Callies: "Nicola ist eine wählerische und aggressive Dame. Junge Burschen jagt sie aus. Es müsste ein Märchenprinz angeflogen kommen."
Entfernungen sind für die mächtigen Tiere mit bis zu drei Metern Flügelspannweite kein Problem. Ein Ausflug von ein paar hundert Kilometern über den Alpenbogen ist für Bartgeier ein Klacks.


Ausrottung und erfolgreiche Wiederansiedelung in den Alpen
Bei aller Tragik um das Schicksal von Nicola und Paradatsch sind die Zoologen und Vogelkundler froh, dass sie sich solche Sorgen überhaupt machen dürfen. Der Bartgeier war in den Alpen vollkommen ausgerottet. 1913 zeigte ein Jäger im italienischen Aosta-Tal stolz den vermutlich letzten Bartgeier der Alpen als seine Jagdtrophäe. Die harmlosen Aasfresser wurden fälschlicherweise als Jäger und Konkurrenten, als "Lämmergeier" verfolgt. Roth-Callies: "Schaurige Geschichten machen immer noch gerne die Runde, bestätigen lassen sie sich aber nie."
Seit 1976 gibt es ein internationales Artenschutzprojekt für die Wiederansiedelung des Bartgeiers in den Alpen. Die letzten Bartgeier in Zoos aus aller Welt wurden zu Zuchtpaaren zusammengestellt und die Jungen in die Natur entlassen. Das richtige Verhalten zum Überleben in freier Wildbahn haben haben selbst die im Zoo geborenen Jungen in den Genen. Unter den vier Freilassungsstellen ist neben dem französischen Hoch-Savoyen, dem schweizer Engadin, dem italienisch-französischen Nationalpark Mercantour und Naturpark Alpi Marittime auch das Krumltal bei Rauris. Insgesamt wurden bisher in den Alpen 81 junge Bartgeier freigelassen. Im Krumltal waren es 27, alle begleitet von der Geierwally Nina Roth-Callies, die von Anfang an das Projekt für den WWF betreute.
So wird der Bartgeier schön langsam in den Alpen wieder heimisch. Die Tiere suchen sich im Alter von etwa vier Jahren große Reviere zwischen hundert und vierhundert Quadratkilometern, je nach Aasaufkommen. Zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr finden sie sich zu Paaren zusammen und ziehen dann gemeinsam jährlich ein Junges auf. Unsere Nicola, die sich ihren Horst nahe der Freilassungsstelle im Krumltal ausgesucht hat, ist also schon eine Ausnahme.


Was ist mit Paradatsch passiert?
Wo ist Nicolas verschwundener Verlobter Paradatsch, der Geier aus einem russischen Zoo? Genaues weiß auch die Geierwally nicht. "Sein Verhalten ist nicht artgerecht, normalerweise wäre er bei Nicola geblieben." Die Zoologin befürchtet, dass Paradatsch etwas passiert ist. Er könnte einer Lawine oder einer Starkstromleitung zum Opfer gefallen sein. Am Wahrscheinlichsten aber ist, dass er brutal erschossen wurde. "Unter den Jägern gibt es immer noch unbelehrbare Querköpfe", ärgert sich Frau Roth-Callies. In den letzten Jahren wurden drei erschossene Bartgeier-Kadaver gefunden. "Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit höher." In der Schweiz konnten bei einem Fall die Täter ausfindig gemacht werden. Es waren vier Jäger, darunter auch ein amtlicher Wildhüter. Auch Nina Roth-Callies persönlicher Patengeier "Nina" wurde sechsjährig 1993 in Hoch-Savoyen erschossen aufgefunden. Die Täter wurden in diesem Fall nicht gefunden.


Ein moderner Recyclingspezialist
"Man muss diese Tiere einfach mögen, sie sind echte Persönlichkeiten und moderne Recyclingspezialisten", schwärmt Nina Roth-Callies von ihren Schützlingen. Bartgeier lieben zum Beispiel Knochen. Sie schlucken relativ große Stücke im Ganzen. Fast reine Salzsäure im Magen sorgt für die gute Verdaulichkeit der Leckerbissen. Wenn der Knochen zu groß ist, steigen die Geier mit ihm auf in die Lüfte und lassen ihn von der Höhe auf Felsplatten fallen, sodass er in kleinere, schnabelgerechte Stücke zerspringt.
Die Tiere geben auch Kennern immer wieder Rätsel auf. "Bislang glaubte man, sie haben nur so gute Augen, das sie Aasstücke von großer Höhe aus erkennen können. Aber nun hat man festgestellt, dass sie auch abgedeckte Aasstücke ausmachen können. Wie, das ist noch ein Rätsel.
Eine der vielen Besonderheiten ist auch das Färbebad der Geier. Sie suchen rote, eisenhaltige Schlämme und färben sich damit intensiv das Gefieder. Auch hier ist nicht plausibel, warum sie das tun. Tarnung haben sie nicht not. Ist es vielleicht doch einfach nur ein Make-up aus Eitelkeit?


Heinrich Breidenbach


Ein Schatz für den Nationalpark Hohe Tauern



Lohnendes Ausflugsziel


Von Anfang an war die Bartgeier-Wiederansiedelung mit dem Nationalpark Hohe Tauern verknüpft. Der Nationalpark unterstützt das Projekt mit Öffentlichkeitsarbeit, Geld und mit seiner puren Existenz als große naturnahe Alpenlandschaft. Umgekehrt sind der Bartgeier-Horst, die Freilassungsstelle im Krumltal und die ständige Anwesenheit der Fachfrau Roth-Callies auch ein Schatz für den Nationalpark und für Rauris.


Führungen
Angeboten werden spezielle Führungen ins Krumltal für interessierte Touristen, Wanderer, Schulklassen und für Fachpublikum. Rauris ist so auch in das Programm eines hochpreisigen US-amerikanischen Reiseveranstalters gekommen, der auf Naturerlebnisse spezialisiert ist. Die Pinzgauer Gemeinde steht bei diesem Veranstalter ebenbürtig in einer Reihe mit den Galapagos-Inseln oder der Hohen Tatra.
Exkursionen zur Beobachtungsstelle werden im Sommer einmal pro Woche angeboten. Sie dauern zwei bis drei Stunden. Anmeldung beim Verkehrsverein Rauris, Telefon 06544-6237.


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