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Salzburger Fenster, 31. Mai 2000, Ausgabe 14/00


Laufen als Heilslehre



Ewige Jugend, Glück, Erfolg und leichtes Leben nur durch Laufen?


Einfache Wahrheiten, große Versprechen und gekonnte Verpackung. Das ist der Stoff der ankommt und die Kassen klingeln lässt. Brauchen wir die Gurus, um endlich in Bewegung zu kommen?


Strunz auf den Bestsellerlisten, Strunz in vollbesetzten Vortragssälen, Strunz in ausgebuchten Seminaren. Strunz mit Hera Lind in Help-TV. Strunz in aller Munde. Die bemüht leichtfüssig auf Zehenspitzen federnden und dabei verzweifelt lächelnden Mitmenschen, die derzeit ganz langsam und in Massen durch die Landschaften ziehen, das sind die JüngerInnen des Herrn Doktor Ulrich Strunz.
Der Mann kann mitreissen und überzeugen, er bringt Tausende in Bewegung. Dabei ist die Botschaft des Doktor Strunz trivial und überhaupt nicht neu: Regelmäßige maßvolle Bewegung ist gesund. Langsames Laufen ist gesund. Überanstrengung ist ungesund, fettes Essen und Übergewicht ebenso. Der moderne Mensch hat zu wenig Bewegung. Fertig!
"Wer sich mit Bewegungs- und Ernährungslehre ein wenig beschäftigt, kennt diese Inhalte seit langem. Die Thesen des Doktor Strunz sind ein Mischmasch aus den Konzepten der letzten zwanzig Jahre.", so der Sportwissenschaftler Univ.-Lektor Minos Dimitriou.
Aber dem 56 Jahre "jungen" Mediziner Strunz ist es trotzdem gelungen mit optimaler Verpackung und hervorragendem Marketing einen riesigen Boom auszulösen und massig Geld zu verdienen.


"Die Jagd nach dem Glück"
Altbekannte einfache Wahrheiten und biedere gute ärztliche Ratschläge haben einen Nachteil. Sie haben keinen Kick. Sie begeistern und motivieren nicht, sie reißen nicht aus Trägheit und Gewohnheit. Der Mensch sucht das große Versprechen. Er will mit Glauben und Vertrauen einem Guru folgen.
"Der Mensch" so Sportwissenschaftler Minos Dimitriou zu den neuen Sportkulten, "ist auf der Jagd nach dem Glück und sucht es mehr und mehr im Sport, durch Fitness, Erlebnis- oder Risikosportarten. Dank Strunz glauben nun viele durch Laufen schnell und einfach glücklich zu werden. Das ist sehr eingleisig gedacht. So leicht geht das natürlich nicht, aber es wirkt."
Im Grundsatz stehen die meisten Sportmediziner und Sportwissenschaftler Strunz aber nicht ablehnend gegenüber.
"Er schafft es, tausende Menschen in Bewegung zu bringen. Das ist zuerst einmal positiv", so Eveline Ledl vom Salzburger Institut für Sportmedizin. Susanne Ring vom Institut für Sportwissenschaften der Universität Salzburg meint ebenfalls, "Strunz propagiert das langsame Laufen. Das unterscheidet die aktuelle Laufwelle positiv von allen früheren, wo viele Menschen einfach losgerannt sind und sich total überfordert haben."


Auch der Laufpapst ist nicht unfehlbar
Kritik kommt trotz der positiven Grundstimmung gegenüber Strunz aber auch durch. Minos Dimitriou: "Ich habe versucht lächelnd im empfohlenen Atemrhythmus und auf Zehenspitzen federnd zu laufen, ganz so wie Herr Strunz es empfiehlt. Das geht gar nicht." Auch dass Strunz in seinen Büchern nicht wissenschaftlich zitiert, sondern einfach Dinge behauptet, wird bemängelt. Susanne Ring merkt etwa kritisch an: "Dass man nach drei Monaten Laufen essen kann so viel man will und gar nicht mehr zunehmen kann, wie Strunz das behauptet, ist wissenschaftlich sicher nicht haltbar." Gar von einem "Strunz-Syndrom" schrieb der Chef des Salzburger Institut für Sportmedizin Alfred Aigner, unlängst in den Salzburger Nachrichten. Durch das von Strunz propagierte Laufen auf den Fußballen komme es, so Aigner, bei Anfängern häufig zu einer Überlastung der vorderen Schienbeinmuskulatur und damit zu Beschwerden.
Die Sportinstitute bekommen jedenfalls die aktuelle Strunzsche Laufwelle voll mit. Untersuchungen, Beratung und Belastungstests sind massenhaft gefragt. Die Mitarbeiter der Institute stöhnen unisono: "Die Laufwelle überrollt uns."


Dick auftragen wirkt
Der Erfolg des Ulrich Strunz belegt einmal mehr, dass Botschaften als eindimensionale Heilslehren verkauft werden müssen, um voll einzuschlagen. Je kräftiger dabei auf den Putz gehaut wird, umso besser. Dick auftragen schadet nicht. Das Versprechen muss groß sein und mit überzeugender Autorität an das Publikum gebracht werden. Das bringt Anhänger und volle Kassen. Das Rezept ist universell. Man kennt solche Beispiele auch aus der Politik. Fitness, Körperkult und Sport treten in den westlichen Wohlstandsgesellschaften immer stärker als Glücksmedien auf. Die diesseitige "ewige Jugend" durch Sport ist ein Versprechen, das schon mit dem Versprechen der Religionen auf jenseitiges "ewiges Leben" konkurriert.


Buchmarkt: "Bis zum nächsten Stichwort"
Der Buchmarkt ist ein Spiegel des Zeitgeistes. Seit Monaten geht die Laufbibel "forever young" von Ulrich Strunz weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. "Es vergeht kein Tag, wo das Buch nicht mehrmals nachgefragt wird", berichtet die Buchhändlerin Anneliese Erharter von der Salzburger Rupertus Buchhandlung. Am Tag nach Strunz Auftritt bei Barbara Stöckl im Help-TV lief der Verkauf besonders gut. In den letzten Jahren hat sich der Buchmarkt stark verändert. Anneliese Erharter: "Der Bereich Gesundheit, Fitness und Sport liegt bei uns mittlerweile schon auf dem zweiten Platz der verkauften Bücher. Aus diesem Bereich kommen zuletzt auch die meisten Bestseller." Vor Strunz war der absolute Renner die "4 Blutgruppen - Vier Strategien für ein gesundes Leben". Zuvor waren "Die Fünf Tibeter" jahrelang ein Verkaufsschlager. In dem Werk wird überhaupt gleich ewiges Leben versprochen.
"Ein Bestseller wird", beobachtet Buchhändlerin Anneliese Erharter, "wenn ein Buch auf die Bereitschaft des Publikums trifft, etwas für das Non Plus Ultra zu halten. Bis zum nächsten Stichwort."


"Sie können wieder jünger werden"



Die großen Versprechen des Laufpapstes


Die nachfolgenden Zitate stehen so wörtlich im Strunz-Bestseller "forever young".

  • Sie können wieder jünger werden... Sie können mit 70 noch geistig fit und körperlich vital wie ein 25-jähriger sein... Das Leben wird plötzlich leicht. Sie werden schlank, fit, dynamisch, glücklich, antriebsstark - endlich wieder jung... Laufen macht aus einer Ente einen Jaguar..."

  • Überdurchschnittliche Leistungen sind für Sie dann Selbstverständlichkeit... Beim Morgenlauf vor Arbeitsantritt können Sie in wenigen Minuten die Probleme vom Vortag lösen...

  • "Ihr ganzer Körper mit Fröhlichkeit..."

  • Nach drei Monaten Laufen können Sie essen, was und wie viel Sie wollen. Denn dann können Sie nicht mehr zunehmen...

  • Laufen stimuliert, Ihr ganzes Leben bekommt mehr Schwung, und das wirkt sich aus - auch auf die sexuelle Lust... Testosteron macht unbesiegbar...

  • Laufen macht glücklich... Laufen im Sauerstoffüberschuss setzt Endorphine frei, körpereigenes Rauschgift... Auch den Glücksbotenstoff Serotonin - den Neurotransmitter, der im Gehirn für gute Laune sorgt - können sie täglich selbst erzeugen...

  • Wenn sie etwas schneller laufen, sorgt ACTH für kristallklaren, wachen Geist. Und im dritten Gang übersprudeln Endorphine Ihren ganzen Körper mit Fröhlichkeit..."


"Die Quelle der Jugend existiert"



Die Versprechen ähneln sich. Ewige Jugend verspricht auch der frühere Bestseller "Die fünf Tibeter".


Es wird nur noch ein bisschen dicker aufgetragen als bei Strunz. Wörtlich heißt es:
"Dieses wunderbar einfache Buch ist nicht für jedermann. Sie sollten es nur dann lesen, wenn Sie die unsinnige Vorstellung akzeptieren können, dass der Prozess des Alterns rückgängig gemacht werden kann. Sie sollten es nur dann lesen, wenn Sie zu glauben wagen, dass die ,Quelle der Jugend‘, früher auch ,Jungbrunnen‘ genannt, wirklich existiert... Fünf uralte tibetische Riten stellen den Schlüssel zu anhaltender Jugend, Gesundheit und Vitalität dar."


Heinrich Breidenbach


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