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Salzburger Nachrichten, 26. Mai 2001


Der Königsweg in die Lagune

Über das Meer auf eigenem Kiel nach Venedig


Alles hat seine Zeit. In alten Stichen und Seekarten findet sich die gesamte obere Adria als "Golfo di Venetia". Der Doge vermählte sich Jahr für Jahr in feierlicher Zeremonie erneut mit dem Meer. Die mächtige Lagunenstadt und das Meer waren eins. Erst spät, als es mit der Größe und Selbständigkeit des venezianischen Reiches schon vorbei war, störten die Österreicher die Monogamie von Meer und Stadt. Sie bauten der Schönen ein eisernes Band mit dem Festland, die Eisenbahnbrücke. 1846 rollte der erste Zug über die Lagune nach Venedig. 1933 folgte parallel die Straßenbrücke.
Der Idee des Ortes wird trotzdem nur die Ankunft vom Meer gerecht. Die Stadt schaut auf das Meer hinaus. Sie wartet auf Schiffe, nicht auf Autos oder Züge. Die zahlreichen Ausflugsschiffe sind eine Möglichkeit. Der Königsweg aber ist zweifellos, als "Capitano" einer Segelyacht auf eigenem Kiel die Lagunenstadt anzulaufen.
Als idealer Ausgangspunkt bietet sich das einst ebenfalls venezianische Istrien an. Es liegt nicht zu nah und nicht zu weit. Segelyachten zum Chartern gibt es in großer Auswahl. Wir wählen das kroatische Pula als Ausgangshafen und die 13 Meter lange "Santa Maria" als unser Schiff. Es ist Ende Mai, ideale Zeit für einen Trip nach Venedig. Also, Leinen los!


Bora und Seekrankheit
In der letzten Abendsonne gleiten wir aus der großen befestigten Hafenbucht. Sieben Freundinnen und Freunde sind an Bord, sechzig Seemeilen liegen bis nach Venedig vor uns. Im Logbuch wird vermerkt: "Auslaufen Pula 1945 Uhr, Wind 0, Seegang 0, keine Wolken, Kurs 300 Grad." Die Stimmung an Bord ist gelöst und erwartungsvoll. Unter Motor pflügt die Yacht stundenlang das mondhelle spiegelglatte Meer. Mit der Sonne des nächsten Morgens wollen wir den "Golfo di Venezia" überquert haben und vor der Stadt auftauchen.
Doch Venedig will verdient sein. Acht Stunden später ist alles anders. Dunkle Wolken haben sich vor den Mond geschoben. Eine starke Bora, der kalte Nordostwind der Adria, ist aufgekommen. Verkleinerte Segel ziehen uns kräftig über schaumgekrönte Wellen. Das Logbuch hält fest: "0400 Uhr, Wolken, Wind Nordost, Stärke 6, Seegang 5, Kurs 300." Ein Crew-Mitglied ist schlimm seekrank geworden. Er würgt und kotzt stundenlang zum Gotterbarmen.


Ein erhebendes Gefühl
Wenig später tauchen aus dem Morgendunst zart die Lichter des Lido auf, der langgestreckten Insel, die Venedig vor dem offenen Meer schützt. Wir freuen uns jetzt auf das ruhigere Wasser der dahinter liegenden Lagune. Der berühmte markant karierte Leuchtturm "La Pagoda" weist uns den Weg zum "Porto di Lido".
Das Ankommen ist bei jeder Seefahrt ein wunderbares Erlebnis. Landschaften gewinnen langsam Konturen und Farben. Kirchtürme, Hafenanlagen, Häuser, Ufer, Bäume und Buchten treten hervor. Freudiges Erkennen, stolzes Orientieren. Diesmal ist es Venedig.
Kaum sind die langen Wellenbrecher des Porto passiert, schaut die Welt freundlich und hell aus. Die Wellen glätten sich, die Morgensonne wärmt. Unserem Freund geht es schlagartig besser. Wir gleiten an den alten Befestigungsanlagen des Forts Sant´Andrea vorbei. Hundert Dächer, Türme und Kuppeln glänzen. Die große Was-ist-Was-Fragerei beginnt. Ist das vor uns schon Murano? Nein, Murano liegt weiter hinten, das muss Sant´Erasmo sein. Ist der große Turm an Backbord schon der Campanile vom Markusplatz? Nein, das ist der Turm von San Giorgo Maggiore. Aber das ist jetzt sicher schon...
Entlang der markierten Wasserstrassen hanteln wir uns aufgeregt und vorsichtig inmitten eines bereits regen Schiffsverkehrs in die Lagune hinein. Ja, es ist ein erhebendes Gefühl. Wir kosten es aus. Langsam und mit Respekt vor der verwirrenden Vielzahl von Seezeichen drehen wir eine Ehrenrunde in der Lagune bevor wir unser Ziel, die Marina Sant´Elena, ansteuern.
Sant´Elena ist ein kleine, vornehmlich von Einheimischen benutzte Marina im gleichnamigen Stadtteil. Sie ist am frühen Morgen noch verschlafen. Kein Mensch ist zu sehen. Wir wählen uns selber einen Liegeplatz aus. Wenig später wird uns dafür ein bärtiger Marina-Bediensteter wortreich schimpfen und trotzdem großzügig liegen lassen. Bella Italia. 0815 Uhr, Motor aus. Wir sind da. Tutti va bene.
Sant´Elena ist der östlichste Stadtteil der Hauptinsel. Hier ist Venedig ganz anders. Ein großes Sportstadion, bunte Häuser, Parks, ruhig, grün, beschaulich. Es ist Sonntag, die Bewohner haben Bänke und Tische ins Freie gestellt, zum Reden, Sitzen und Trinken. Hier wird gelebt und nicht nur ehrfürchtig gestaunt.
In das Zentrum führen wunderbare Spazierwege. Ein Gang durch das Biennale-Gelände bietet sich an, oder die Uferpromenade entlang des Canale di San Marco. Ein Tag zum Vergammeln. Gar nicht den hohen venezianischen Erwartungen entspricht der Liegepreis für die Yacht. 50.000 Lire pro Tag. Später sollten wir für einen schlechteren Liegeplatz im benachbarten Chiogga 78.000 Lire bezahlen.


Fotoshooting: Sieben Kapitäne drehen Runden vor dem Markusplatz
Das große Fotoshooting kommt am nächsten Morgen. Wir tuckern den "Canale di San Marco" entlang. Wer will sich nicht direkt vor dem Markusplatz als stolze Steuerfrau oder stolzer Steuermann eines "eigenen" Schiffes ablichten lassen? Wir drehen Runde um Runde. Die Kameras glühen. Jede und jeder wird am Steuerrad fotografiert, jedes Paar und sämtliche Kleingruppenkombinationen die sieben Leute so herstellen können. Im Hintergrund strahlen immer Markusplatz, Campanile und Dogenpalast.
Alles klappt nicht. Den Versuch, innerhalb der Lagune in das 15 Seemeilen südlich gelegene Chiogga zu fahren, müssen wir abbrechen. Nach unseren Karten wird der Wasserweg zwischen Venedig und Chiogga auf 2,5 Meter Tiefe freigehalten. Genug Platz für die sprichwörtliche "Handbeit Wasser unter dem Kiel" unserer "Santa Maria" mit 1,95 Meter Tiefgang. Der Weg muss in der flachen, schlammig-sandigen Lagune freilich ordentlich gewartet und ausgebaggert werden.
Gleich hinter den letzten Gebäuden von Venedig sind wir ganz allein in der weiten Lagune. Warum ist hier niemand? Der Tiefenmesser wird aufmerksam beobachtet. Er sinkt und sinkt. Bei zwei Metern reicht es. Wir wenden im schmalen Wasserweg und wirbeln dabei sichtbar Schlamm auf. Das war knapp. Es geht zurück. Noch einmal passieren wir den Canale della Giudecca, wieder vorbei am Markusplatz, den Canale di San Marco hinauf und beim Porto di Lido hinaus auf die offene Adria. Diesmal sind wir schon viel weniger aufgeregt. Es geht echt cool zu an Bord. Nur noch vereinzelt Fotos, statt dessen wird respektlos gejausnet. Alles schon erlebt, alles schon gesehen.
So schnell geht das.


Heinrich Breidenbach



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