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Salzburger Nachrichten, 5. 1. 2002


"Es werden Länder und Menschen überrollt"

Was ein brasilianischer Bischof den Österreichern sagen will


Dom Demetrio Valentini, Eröffnungsredner der diesjährigen "gesamtösterreichischen Entwicklungskonferenz" in Salzburg über das "perverse internationale Finanzsystem", den Kaffeepreis, die brasilianischen Landbesetzer und das Verhältnis von Kirche und Politik?


SN: Herr Bischof, in einem Text der brasilianischen Bischofskonferenz klagen Sie die "weltweite Zunahme der Armut" an und bezeichnen die derzeitige Form der Globalisierung als "Diktatur des Geldes". Die Vertreter der internationalen "business community" hingegen werben für die Globalisierung mit dem Argument, sie habe in zehn Jahren eine Milliarde Menschen in der Dritten Welt aus der absoluten Armut befreit. Was antworten Sie ihnen?
Dom Demetrio: Die Globalisierung ist irreversibel und sie hat auch positive Seiten. So wie sie derzeit praktiziert wird, hat sie aber perverse Konsequenzen. Es gibt Menschen, denen geht es durch die Globalisierung besser und viele andere, denen geht es schlechter. Es werden Länder und Menschen überrollt. Das dürfen wir nicht akzeptieren.


SN: Die Globalisierung hat Afrika vergessen, in Asien haben sich industrielle Schwellenländer entwickelt. Was tut sie in Südamerika?
Dom Demetrio: In Südamerika ist Argentinien der krasseste Fall. Argentinien war der gläubigste und folgsamste Anhänger des internationalen Währungsfonds, der Weltbank und der gesamten neoliberalen Politik. Das Ergebnis ist, dass es in Argentinien noch niemals in der Geschichte so viele Arme gegeben hat.


SN: Sind das nicht auch hausgemachte Probleme? Muss die Globalisierung nicht als universeller Sündenbock für das Versagen, die Korruption und die schlechte Politik lokaler Eliten herhalten?
Dom Demetrio: Vieles greift ineinander. Natürlich gehört auch die interne Politik in den betroffenen Ländern selbst dazu. Aber hier in einem reichen Land des Nordens will ich betonen, dass das aktuelle internationale Finanzsystem pervers ist. Pervers! Es hat aus einem Kapitalismus der Produktion einen Kapitalismus der Finanzmärkte gemacht. Es lässt die Auslandsverschuldung der armen Länder immer größer werden und hält sie in einer Schulden-und Zinsenspirale gefangen. Dieses System lenkt die Finanzströme von den armen zu den reichen Ländern.


Die Kirche kann die Menschen stärken
SN: Wie wirkt die Globalisierung auf Brasilien?
Dom Demetrio: Es gibt in Brasilien Schichten, die an der Weltwirtschaft teilnehmen, das sind etwa dreißig Millionen Menschen. Aber es gibt 110 Millionen, die an Nichts teilnehmen können. Das hat auch historische Gründe und nicht nur mit der heutigen Globalisierung zu tun. Das Neue ist, dass dieser aktuelle Prozess so ausschließend wirkt. Früher hat die Industrialisierung immer mehr Arbeitskräfte gebraucht und sich auch geholt. Heute kann man Millionen Menschen einfach ausschließen, vergessen und ohne sie weitermachen.


SN: Sie argumentieren als katholischer Bischof sehr politisch. Was ist das Katholische an Ihrem Engagement?
Dom Demetrio: Ich habe eine Diözese zu leiten und die Menschen in ihrem Glauben zu bestärken. Was die Religion im Liturgischen repräsentiert, muss auch im praktischen politischen Leben umgesetzt werden. Die Religion kann die Politik nicht ersetzen, aber sie soll das politische Handeln beeinflussen. Die Kirche selbst kann keine politischen Aufgaben übernehmen, aber sie kann die Menschen so stärken und unterstützen, dass sie selbst politische Aufgaben übernehmen können.


SN: Ganz konkret, unterstützen Sie als Bischof die "Bewegung der Landlosen", die brachliegendes Land von Großgrundbesitzern besetzt und bewirtschaftet?
Dom Demetrio: Ja. Es gibt einen großen Gleichklang zwischen der Bewegung der Landlosen und der brasilianischen Kirche. Die Bewegung der Landlosen ist ja aus dem kirchlichen Leben entstanden. Es sind Menschen die beten und sich als Christen verstehen. Als Verantwortlicher für das Sozialpastoral hatte ich sehr viel Kontakte mit ihnen und habe sie auch zu gemeinsamen Reflexionsprozessen eingeladen. Auch bei einem Massaker an Landlosen wurde ich gerufen und habe versucht zu helfen.


Die Österreicher sollen mehr bezahlen
SN: Sie sind als Referent der diesjährigen gesamtösterreichischen Entwicklungstagung in Österreich. Was wollen Sie den Menschen in Österreich sagen?
Dom Demetrio: Ich sehe in Österreich eine große Bereitschaft, auf die Welt zu schauen. Ich hoffe, dass es mir gelingt, diese Bereitschaft noch zu vergrößern, das Interesse noch mehr zu wecken. Wir wünschen solidarische Beziehungen, einen Dialog jenseits von Markt, Geld und Konsum für eine bessere Globalisierung. Die Welt, wie sie ist, ist nicht gut. Wir können gemeinsam versuchen, sie zu verbessern.


SN: Sollen die Österreicher höhere Preise für die Agrarprodukte aus der sogenannten Dritten Welt bezahlen?
Dom Demetrio: Ja. Ein großer Sack brasilianischer Kaffeebohnen mit 60 Kilos kostet zehn Dollar. Sie können sich vorstellen, wie viel Kaffee Sie trinken müssen, bis ein brasilianischer Kaffeebauer hundert Dollar verdient. Die Preise für Agrarprodukte aus dem Süden sinken seit Jahrzehnten, insbesondere in Relation zu den Preisen für die Industrieprodukte aus dem Norden. Das ist nicht gottgewollt. Es sind Menschen, die das machen. Zusammen mit der Schuldenwirtschaft entsteht so eine neue Form von Kolonialismus, ein enormes Ungleichgewicht.


Soziale Schulden
SN: Teilen Sie die Forderung von entwicklungspolitischen Organisationen nach radikaler "Entschuldung" der armen Länder?
Dom Demetrio: Es geht nicht darum, die Schulden gänzlich zu streichen. Es geht darum, die internationalen Finanzströme so umzuleiten, dass Entwicklung und wirtschaftlicher Aufschwung im Süden überhaupt wieder möglich werden. Die Spirale von Schuldendienst und Zinsen verunmöglicht dies derzeit. Es gibt auch soziale Schulden, die beglichen werden müssen. Armut etwa ist eine soziale Schuld. So sehen wir das in Brasilien.


SN: Eine Frage aus aktuellem Anlass. Wie stellt sich der Krieg in Afghanistan aus der Sicht eines brasilianischen Bischofs dar?
Dom Demetrio: Dieser Krieg ist ein großer Irrtum. Der Terrorismus zeigt, dass die Welt große wirtschaftliche und kulturelle Probleme hat. Der Krieg ist dagegen die oberflächlichste Lösung. Die Vereinigten Staaten vergeben eine großen Chance. Die große internationale Solidarität gegen den Terror hätte ein weltweites Handeln gegen seine Ursachen ermöglicht. Statt dessen haben sie sich selbst einen Zwang konstruiert, dass es ohne kriegerisches Zurückschlagen nicht geht. Die Annäherung der Kulturen wird zur wichtigsten Aufgabe dieses Jahrhunderts. Dazu gehört, die eigene Kultur relativieren zu lernen. Das wird auch Konsequenzen für die Religionen, die sehr in ihrer Kultur gefangen sind, haben. Es gibt viele kulturelle Eigenheiten, die so verstanden werden, als wären sie ein Dogma, als wären sie Gottes Wille. Das werden wir weltweit überwinden müssen.
SN: Vielen Dank für das Gespräch.


Interview: Heinrich Breidenbach


Bildtext:
Dom Demetrio Valentini ist brasilianischer Bischof mit altösterreichischen Wurzeln. Sein Großvater stammte aus Venetien. Er war bis zum Vorjahr Leiter des Sozialpastoral der brasilianischen Bischofskonferenz.
Foto: Heinrich Breidenbach


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