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Meinung. Kommentare

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Salzburger Fenster, Nr. 04-2002


Tourismus: Streit um „Ballermann im Schnee“

Geschäft der Zukunft oder Vertreibung guter Gäste?


Party, Party, Party... das ist die Erwartung zehntausender Urlauber. Skihütten und Wintersportorte machen kräftig mit. Die Kritik am zwangsbeglückenden Dauergedröhne und der Ballermann-Stimmung in den Alpen wird nun sogar in der Party-Gemeinde Saalbach-Hinterglemm lauter.


„Ficken, Ficken ..., solche Gesänge müssen wirklich nicht jeden Abend durch den Ort dröhnen. So kann es nicht weitergehen.“ Das sagt der Hotelier und Obmann des Tourismusverbandes von Saalbach-Hinterglemm, Albert Schwaighofer. „Das so genannte Ballermann-Thema ist bei uns sehr ernst geworden“, ergänzt Obmann-Stellvertreter und Skischulbesitzer Hannes Fürstauer.
Ein Trend geht durch den internationalen Tourismus. Party, Musik, Animation, Tanzen, Flirten ... auf jeden Fall muss Spaß sein. Notfalls wird mit der Brechstange nachgeholfen, mit unmäßigem Saufen, Betäubung und Lärm. Maturanten dröhnen sich eine Woche auf Ibiza oder in Ferienklubs zu. Kegelklubs, Fußballmannschaften, Stammtische und Damenrunden tun es, Singles und Paare sind dabei. Die Ferieninsel Mallorca ist mit ihrem „Ballermann“ zum Symbol des Urlaubsgefühls der Spaßgesellschaft geworden.


Familien meiden schon Skihütten
Die Freizeitwirtschaft hat sich längst darauf eingestellt, hierzulande vor allem im Winter. Skifahren ist anders geworden. Laute Musik dröhnt aus Schirmbars und Skihütten. Es geht um das eine. Und das oft ziemlich direkt. Dieter Kindl, Bürgermeister der Mega-Skizirkus-Gemeinde Obertauern kritisiert: „Es sind so ordinäre Texte, dass Familien mit Kindern bestimmte Hütten sogar schon meiden. Das haben wir wirklich nicht nötig.“
Je später der Nachmittag, desto mehr geht auf den Hütten die Post ab. Jagatee, Schnäpse und Bier fließen in Strömen. Die gängigen Hits, die jeder mitsingen oder mitgrölen kann, heizen die Stimmung auf. Mit steigendem Alkoholkonsum auf den Hütten werden auf den Pisten zunehmend Vorsicht und Rundumblick erforderlich.
Stimmung und Erwartung der Spaß-Skifahrer steuern auf den Apres-Ski zu. Eine ganze Industrie aus Hütten, Bars, Schnellimbissen, Life-Bands, Konservenmusik und Schirmbars hat sich auf die goldene Zeit zwischen dem Ende des Pistenbetriebs und dem Start des Nachtlebens geworfen. Nicht zur ungetrübten Freude aller.


„Neid und Konkurrenz im Ort“
Der Saalbacher Toursimusverband-Obmann Albert Schwaighofer erklärt, warum es in den Orten zunehmend zu Auseinandersetzungen kommt. „Wir haben viel gute Hotellerie in Saalbach. Sie erwartet mit gepflegter Küche am Abend ihre Gäste, die eine gute Flasche Wein und nachher vielleicht einen Cognac trinken. Diese Hoteliers haben natürlich keine Freude, wenn die Gäste beim Apres-Ski abgefüllt und mit einem Schnellimbiss vollgestopft werden.“
Saalbach hat den Ruf eines Ortes wo „etwas los“ ist. Schwaighofer: „Wir sind damit groß geworden, dass man bei uns nicht nur gut Ski fahren, sondern auch gut Feiern kann. Das ist auch in Ordnung so.“ Aber nicht mit allen gerufenen Geistern hat man nun die helle Freude. „Es sind schon auch solche ohne Kinderstube darunter.“
Heftige Diskussionen in den örtlichen Gremien sind die Folge. Die Befürchtung, man verliere auf Dauer den „guten Gast“, geht um. Die Lust, in Qualität zu investieren, sinkt wenn man auch billiger leicht reich werden kann. Es gibt böses Blut. Schwaighofer: „Neid und Konkurrenz sind ein Thema. Einige sind zu leicht reich geworden. Es haben sich auch Geschäftemacher breit gemacht.“


“Wir wollen kein Ballermann-Image“
Theoretisch sind sich die Touristiker einig. „Ballermann ist nicht das Image, das wir in Salzburg anstreben“, legt sich der Chef der Salzburger Land Tourismus-Gesellschaft Leo Bauernberger fest. Der Saalbacher Tourismus-Direktor Wolfgang Breitfuß fürchtet um das breite Angebot der 17.000 Betten-Gemeinde: „Wir sind ein Party-Ort, aber ein einseitiges Image als Ballermann-Gemeinde wollen wir auf alle Fälle vermeiden, weil das würde unsere vielfältigen Sport-, Erholungs- und Erlebnisangebote für alle anderen Gästeschichten überdecken.“ In welcher Größenordnung sich der Anteil der Gäste, die nur kommen, weil „etwas los“ ist, tatsächlich bewegt, kann auch der Tourismusdirektor nur schätzen. „Vielleicht ein Drittel, maximal die Hälfte.“
Praktisch ist es daher schwierig, etwas zu ändern. Zu viele Betten wollen Saison für Saison gefüllt werden. Und da braucht man eben alle Gäste und will auf keinen verzichten. „Im Moment sagen viele, ‚so kann es auf keinen Fall weitergehen, es ist zu arg, wir müssen etwas unternehmen’. Nach der Saison redet jeder nur mehr davon, dass die Betten wieder gefüllt werden müssen“, vermutet Obmann Schwaighofer.
Zu einer Forderung an die Gemeinde haben sich die Touristiker aber durchgerungen. „Nach 18.00 Uhr muss das Apres-Ski-Gedröhne auf den Ortsplätzen aufhören. Und das soll auch überwacht werden.“


Heinrich Breidenbach



Eine Woche Vollgas

Urlaub, wo „etwas los ist“


Heinrich Breidenbach mischte sich unter tanzende Massen in Skischuhen und freute sich mit über simple rote Papierherzerln. Beim Ausflug halbnackter Männer in den Schnee kneifte er. Irgendwie war die Mischung aus klassischem Apres-Ski und Ballermann trotzdem ganz lustig.


„Kennts euch nit aus?“ Für das Salzburger Damen-Trio ist alles ganz einfach und den Neulingen leicht erklärt. „Um vier in die Hinterhag-Alm, nachher bei Bauers Skialm und am Abend in die Kustall-Bar, bis in die Früh.“ Eine Woche Vollgas. Dafür nehmen die drei leichten Schwindel in der Gondel, gelegentlich schwankenden Kreislauf und notwendige Erholungspausen beim Skifahren gerne in Kauf. Um den Sport geht es nicht so. „In Saalbach ist es einfach lustig.“ Die drei Freundinnen machen auch gar keinen Hehl daraus, dass die lockere Stimmung und die Dauerparty der Grund für die Wahl des Urlaubsortes ist.
Den Apres-Ski in der „Hinterhag-Alm“ kennt jeder. Fans aus Amsterdam, Wien, Lubljana oder Hamburg zieht es pünktlich um vier am Nachmittag in Massen in das urige Holzhaus. Zwei Stunden Livemusik bis sechs Uhr. Es ist auf zwei Stockwerken brechend voll. Atemberaubendes Gedränge, Tanzen ohne Platz, dafür mit Skischuhen, die als Wehr und Schutz zugleich dienen. Besonders beliebt ist das Wackeln und Gestikulieren nach dem Kommando der Musiker. Alle machen mit. Ein Highlight ist der „Herzerltanz“. Wer ein in die Menge geworfenes Papierherzerl ergattert, freut sich riesig. So harmlos ist das Vergnügen.
Flusskilometer


“Supergeil“
Wer auf der Tanzfläche keinen Platz findet, hüpft auf die soliden Tische und Bänke. Die redlich schuftende Bedienung bahnt sich mit Trillerpfeifen einen Weg durch das dampfende Gewühl. Die Leute sind gut drauf. Witzig ist bald etwas, und seien es nur die roten Kapuzen einer Gruppe junger Holländer. Auch sie zieht die gute Stimmung nach Saalbach. „Das gibt es nur hier. Wir kommen ganz sicher wieder.“ Verlass ist auch auf unsere deutschen Freunde. „Supergeil“, befinden die Jungen, „tolle Stimmung hier“, die etwas älteren Semester. Und was halten sie so von den Preisen. Zu teuer? „Nee, es wird ja och was geboten.“
Vier Wienerinnen sehen die Sache kritischer. Sie amüsieren sich zwar auch gut, aber Christa hat zwanzig Jahre Saalbach-Erfahrung und ist sicher, dass „das Publikum im Ort von Jahr zu Jahr schlechter wird“. Die Ballermann-Atmosphäre würde schön langsam Überhand nehmen. Die Männer aus Südtirol, mit denen sie sich anschließend in Bauers Skialm treffen wollen, sind allerdings die berühmte Ausnahme und „sehr nett“. Letztlich werden auch die Wienerinnen auch nächstes Jahr wieder nach Saalbach kommen.


Es wird noch gekotzt werden
In Bauers Skialm, strategisch günstig bei der Talstation der Kohlmaisbahn gelegen, ist die schon etwas fortgeschrittene Zeit deutlich spürbar. Jede halbe Stunde zählt. Der kollektive Alkoholisierungsgrad ist weiter fortgeschritten. Ausziehen tut sich hier eine Gruppe junger Männer. Eh nur halb. In fröhlicher Schlange machen sie einen Ausflug in den nahen Schnee. Solche Einlagen tun der allgemeinen Stimmung gut. Dicht an dicht drängen sich auch hier Hunderte in den Schirmbars und im Freien. Wir treffen unsere Salzburgerinnen aus der Gondel. Bei ihnen hat eine zahlenmäßig überlegene deutsche Männergruppe angebaggert. Die Drei haben die Situation routiniert im Griff. Einer ist ein guter Tänzer, den wollen Sie später in die Kuhstall-Bar mitnehmen.
Vereinzelt wanken nun schon etwas blasse Figuren vorbei. Ja, es wird noch gekotzt werden heute. Die gute Unterlage fehlt. Im Zentrum selbst ist es ruhiger. Eine große Schirmbar wirkt ein wenig verlassen. Nix los? „Na, nit arg heut.“


Heinrich Breidenbach


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