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Salzburger Fenster: 09-2002


Tierschutz: Schlachten ohne Todesangst

Tierschützer freuen sich über einen Musterbetrieb nahe Rosenheim


Landwirtschaft, Metzgerei, Bäckerei, Brauerei und Vermarktung. Ein Musterbetrieb mit 130 Mitarbeitern. "Tierdiplomat" Michael Aufhauser besuchte mit einer Delegation des sozialdemokratischen Landtagsklubs die "Herrmannsdorfer Landwerkstätten" in Bayern.


Sie ist schön, sie tut gut und schmeckt gut", so beschreibt Gründer Karl Ludwig Schweisfurth seine "Herrmannsdorfer Welt". Das Gut hat tatsächlich so gar nichts von einem kleinen Bio-Bauernhof. Ein großzügig angelegtes weitläufiges Areal, ein altes Herrenhaus, helle, modern eingerichtete Betriebe und Ställe, aufwendig gepflegte Freiflächen und viel Kunst schaffen Atmosphäre.
Schweisfurth hat Geld. Mit Geld kann man viel Unsinn anstellen, oder auch nicht. Der Mann hat sich für Letzteres entschieden und seit 1993 hier einen ökologischen Muster- und Vorzeigebetrieb geschaffen.
"Wir vereinen moderne Technik und altes Handwerkswissen", sagt der junge Leiter des Metzgerei Jürgen Körber. Er verarbeitet mit 12 Mitarbeitern wöchentlich 50 Schweine, 10 Rinder, 20 Lämmer und 10 Kälber. Zwei Pinzgauer Rinder sind pro Woche im Durchschnitt auch dabei. "Die Qualität ist super", lobt Jürgen Körber den Import aus Salzburg. Und das hört der Besuch gerne. Auf Anregung von "Tierdiplomat" Michael Aufhauser war nämlich letzte Woche der sozialdemokratische Landtagsklub aus Salzburg Gast in den "Herrmannsdorfer Landwerkstätten".


Sanftes Schlachten und Warmfleisch-Technik
Vor allem zwei Besonderheiten zeichnen die Metzgerei aus. "Kein Tier soll mitbekommen, dass andere Tiere geschlachtet werden." So sind auch die Arbeitsabläufe organisiert. Für das Prinzip der angstfreien Schlachtung wurde ein Übergangsbereich geschaffen, der von der eigentlichen Metzgerei räumlich getrennt ist. Die Tiere werden hineingeführt, betäubt und kommen erst dann in die Schlachträume. Mit dieser sanften Schlachtung, so Metzgermeister Körber, werden zwei Vorteile erreicht. "Es ist schonend für die Tiere und gut für die Fleischqualität, also für den Konsumenten."
Das zweite Prinzip der Herrmannsdorfer Metzgerei ist die traditionelle "Warmfleisch-Technik". Das Fleisch wird schlachtwarm verarbeitet, noch bevor die Totenstarre einsetzt. Jürgen Körber: "Wie erreichen damit höchste Qualität und ersparen uns bei der Wurstproduktion die ganzen problematischen Zusatzstoffe, also die Phospate, Citrate, Askorbate, Emulgatoren und Geschmacksverstärker."
Dass nur Tiere von kontrollierten und großteils auch persönlich bekannten Bio-Betrieben verwendet werden, ist schon fast selbstverständlich. Die Bauern bekommen auch einen vertraglich vereinbarten fixen Abnahmepreis. "Alle sollen leben können", heißt die Devise. Kann auch der Betrieb leben? Immerhin mit Preisen, von bis zu 100 Prozent über dem Supermarktniveau. "Seit der BSE-Krise schreiben wir schwarze Zahlen", sagt Jürgen Körber. Damals sei der Absatz explodiert. "Uns sind die Schweine ausgegangen." Plötzlich waren viele Konsumenten auch bereit, einen höheren Preis für ordentliche Produkte zu bezahlen. Der Absatz läuft über 10 Läden in München, über den Hofladen und zum Teil über die Gastronomie.


Glückliche Schweine

Rund 600 Mastschweine jährlich kommen aus eigener Landwirtschaft. Und diese Schweinderln, das sieht auch der Laie, haben es gut. Keine Spaltenböden, kein Gedränge, genug Platz, Einstreu aus Stroh, helle freundliche Boxen. Die kleinen rosa-schwarz gefleckten Ferkel flitzen neugierig herum oder liegen vergnügt eng aneinander gedrängt im sonnigen Stroh.
Als Kontrapunkt zu dieser Idylle hat Rudolf Senckenberg, der Leiter der landwirtschaftlichen Betriebe in Herrmannsdorf, eine Ausstellung mit Fotos aus "normaler" Schweinehaltung aufgestellt. Grausig. "97 Prozent des Schweinefleisches am Markt werden so produziert", sagt der Fachmann. "Aber diese Ställe sind zu. Da kommt der Konsument nicht hinein." Seine Produktionskosten würden dafür um 150 Prozent höher liegen.
Die Diskussionen mit den angereisten Abgeordneten aus Salzburg kommen daher immer schnell zu einem Punkt: Wird die Masse der Konsumenten irgendwann bereit sein, für Lebensmittel den Preis zu bezahlen, den ihre vernünftige Produktion einfach kostet?


Heinrich Breidenbach

Glückliches, putzmunteres Ferkel. Stroh, Platz und Licht statt Spaltenböden in überfüllten dunklen Mastställen.

Aufmerksame Zuhörer aus Salzburg. Der sozialdemokratische Landtagsklub besuchte mit "Tierdiplomat" Michael Aufhauser die Herrmannsdorfer Landwerkstätten.

Das "Fort Knox" der Metzgerei, hier reift feinster Schinken nach italienischem Vorbild.

Michael Aufhauser (re.) und Klubobmann Walter Thaler sind von den Ausführungen von Metzgermeister Jürgen Korber (mitte) sichtlich angetan.

Der Hofmarkt ist eine Absatzmöglichkeit. Das Gros der Produkte wird aber in München verkauft.


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