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Salzburger Nachrichten, 10. August 2002


Wilde Schönheit erwandern

Der Weitwanderweg "Tra Mare e Monti" in Korsika


Der berühmte hochalpine Weitwanderweg Korsikas, der G.R.20, hat eine kleine, mediterrane Schwester. Zehn Tage führt die Weitwanderung "Tra Mare e Monti" zwischen Berg und Meer, durch schattige Wälder, enge Schluchten, kleine Orte und entlang glasklarer Bergbäche.


Muss Weitwandern fad sein? Gehen, gehen, gehen... Wanderer lieben auch diese meditative Monotonie. Wie wäre es aber mit folgendem Vorschlag? Am Nachmittag baden in einer Naturwanne aus glattgeschliffenem Fels im glasklaren Wasser eines Gebirgsbaches. Am Abend Zelten am Meer, am nächsten Tag Gewitter und Hagelsturm am Berg, ein paar Stunden später sonniges Rasten in einer der schönsten Buchten Korsikas. Am Abend eine herrliche Fischsuppe auf Knoblauch-Weißbrot beim letzten hier noch ansässigen Fischer.


So abwechslungsreich kann Weitwandern sein.


Konkret handelt es sich hier um die dritte und vierte Etappe von "Tra Mare e Monti". Der Gebirgsbach ist der Fango, der Ort am Meer heißt Galèria und das sonnige Ziel des nächsten Tages ist die bekannte Girolata-Bucht.
Bergsteiger kennen den G.R. 20, den berühmten, hochalpinen 170 Kilometer langen Weitwanderweg im zentralen Hochland Korsikas. Weniger bekannt ist seine kleine, mediterrane Schwester, die Weitwanderung "Tra Mare e Monti". Ihre Vorzüge sind zahlreich: Kürzer, nicht so hoch hinauf, dafür immer wieder hinunter zum Meer, durch alte Schluchten, schattige Wälder, kleine Orte und entlang klarer Gebirgsbäche präsentiert sie Landschaften von reizvoller Vielfalt. Touristische Attraktionen wie die Spelunca-Schlucht mit zwei gut erhaltenen genuesischen Bogenbrücken, oder das Postkartenmotiv Girolata Bucht sind eingebaut. Die Kombination von Meer und Berg ist gelungen.


Baden, Wein und Wildschwein
In zehn Etappen zwischen mindestens drei und maximal 6,5 Stunden Gehzeit schlängelt sich der "Tra Mare e Monti" von Calenzana, einem Ort nahe der Küstenstadt Calvi, bis nach Cargese, dem "Dorf der Griechen". Insgesamt sind 111 Kilometer Wegstrecke, 5.921 Meter Aufstieg und 6.018 Meter Abstieg zu bewältigen. Auch wenn das Unternehmen viel Platz für Genießen und Verweilen, Baden, Wein und Wildschweinpastete lässt, hat es also durchaus auch eine sportliche Note.
Apropos Wildschwein. Populärhistorisch Gebildete wissen, dass ein gallischer Wildschweinliebhaber namens Obelix sich auf Korsika einst sehr wohl gefühlt hat. Mit gutem Grund. Manchmal riecht es in den Wäldern sogar nach Wildschwein. Zum Beispiel auf dem Weg von Serriera nach Ota, (7. Etappe). Irgendetwas in dem Wald mit alten Kastanienbäumen, hohen Farnen und dichten Brombeerhecken muss für die Tiere eine besondere Delikatesse sein. Der Boden ist umgeackert. Wurzeln sind freigelegt. Sie haben Erdhöhlen und Schlafmulden zurückgelassen. Nur sehen lassen sie sich nicht. Die borstigen Bewohner der Macchia sind scheu.
Gar nicht scheu sind hingegen die Jäger. In den Dörfern dürfte fast jeder Mann auch Wildschweinjäger sein. Sie hocken in den Bars zusammen, die erlegten Wildschweine liegen noch demonstrativ im Auto, andere werden auf Esel gepackt und stolz durch das Dorf geführt. Bei alten Männern, die auf mitgebrachten Stühlen am Wanderweg sitzen und mit großkalibrigen Gewehren auf die begehrte Beute warten, stellt sich dem Wanderer gelegentlich die bange Frage. "Sehen Monsieur eigentlich noch gut genug?"


Einfache Unterkünfte
Am Ende jedes Tages wartet eine sogenannte Gîte d´étape mit einfachen Unterkünften und einem kleinen Zeltplatz. Die Gîtes sind von sehr unterschiedlicher Qualität, nicht zu vergleichen mit dem Standard hiesiger Berghütten. Wir waren jedenfalls froh, ein kleines Zelt dabei zu haben. Der übliche Preis für die Unterkunft beträgt rund 12 Euro pro Person, für den Zeltplatz sechs Euro pro Person. Nur einmal haben wir uns für eine Gîte entschieden, und zwar für das "Le Cormoran" der Fischerfamilie Teillet in der Girolata Bucht. Hier ist es etwas teurer, dafür aber mit Halbpension, sauber und gut.
Die Farbe der gesamten Wanderung ist Orange. Die Markierungen sind verlässliche Begleiter. Gute Karten und Literatur mit einer Beschreibung der einzelnen Etappen sollten trotzdem nicht in Reisgepäck fehlen. Die besten Zeiten für den "Tra Mare e Monti" sind Mai, Juni und September. Im Oktober kann es ebenfalls noch sehr schön sein. Im Hochsommer ist der Weg sehr heiß.


Das Schöne an der Wildheit
Was hat es mit der angeblichen "Wildheit" der Insel auf sich? Warum klingt Wandern in Korsika doch mehr nach Natur und Abenteuer, als Wandern im Schwarzwald. Ein bisschen etwas vom Mythos oder vom Klischee einer Gegend stimmt immer. Das hochaufragende Gebirge im Mittelmeer ist dünn besiedelt. Ein großer Teil der Insel ist von einer undurchdringlichen Macchia überwachsen. Tiefe Schluchten und schroffe Gebirge durchziehen das Land. Das Wetter ist für jede Überraschung gut. Die Meeresströmungen sind tückisch, die Brandung an der Westküste kann lebensgefährlich sein. Ausgewilderte Rinder und Schweine bevölkern die Landschaft. Ein junger Stier als überraschende Begegnung auf einem schmalen Bergpfad kann schon einmal vorkommen. Die bewegte Geschichte Korsikas ist immer präsent. Die sozialen und politischen Sitten sind rau. Zum Beispiel wird jeglicher Abfall skandalös irgendwohin in die Natur gekippt. Zustand und Trassenführung vieler Bergstraßen sind schwindelerregend. Autofahren ist Rennsport. Verkehrsschilder werden systematisch als Zielscheiben zweckentfremdet. Die Jagd scheint vollkommen ungeregelt. Und Sprengstoffattentate unterliegen einer milden Betrachtungsweise als Volkssport.
Ein sicheres Urlaubsland für jährlich hunderttausende Touristen ist Korsika trotzdem. Das ist das Schöne am "Abenteuer", dass letztlich nichts passiert.


Heinrich Breidenbach


Karten: 1:25.000, Institute Geographique National (IGN), Nummern 4149 OT, 4150 OT, 4151 OT.
1:50.000, IGN, Corse Nord.


Literatur: Willi und Kristin Hausmann: Wandern durch Korsika", Cocon-Verlag, Hanau. Der Wanderführer enthält unter anderem genaue Beschreibungen der einzelnen Etappen des "Mare e Monti".

Bildtexte:
Calenzana, acht Kilometer von der Küstenstadt Calvi entfernt, ist Ausgangspunkte für den berühmten hochalpinen Weitwanderweg "G.R. 20" und seine kleine mediterrane Schwester, die Weitwanderung "Tra Mare e Monti".
Kristallklare Bergbäche laden zum Baden ein.
Eine genuesische Bogenbrücke über dem Fango.
Die Kombination von Berg und Meer ist gelungen. Blick auf die Girolata Bucht.
Einfache Unterkünfte bieten am Ende jeder Etappe die Gîte d´étape, wie hier die Refuge E Case.
Fotos: Heinrich Breidenbach

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