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Meinung. Kommentare

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Salzburger Fenster Nr. 41/2010


Wer ist unseres Glückes Schmied?

Zu den politischen Rahmenbedingungen für Lebensqualität und Glück


Professor Reinhold Popp, Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg, ist Mitautor des jüngst erschienenen Buches „Lebensqualität – Made in Austria“. Unser Glück, so Popp, brauchen politische Rahmenbedingungen.


SF: Herr Professor Popp, Sie haben ein Buch über Lebensqualität und Glück in Österreich geschrieben. Wir wollen alle glücklich leben. Steht da drinnen, wie das geht?
Reinhold Popp: Ein üblicher Glücksratgeber ist unser Buch nicht. In diesen Ratgebern wird der individuelle, innerpsychische Anteil des Glücksempfindens sehr stark betont. Sie tun oft so, als würde es keine gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür brauchen, dass möglichst viele Menschen die Chance auf Glück haben.
SF: Ist nicht jeder selbst seines Glückes Schmied?
Reinhold Popp: Nein, das Glück entsteht nicht im luftleeren politikfreien Raum. Es ist nicht unabhängig von den politisch gestalteten Rahmenbedingungen. Aber innerhalb dieser Rahmenbedingungen ist es natürlich wichtig, dass jeder und jede persönlich damit etwas anfängt. Man muss schon etwas aus den gebotenen Möglichkeiten machen.
SF: Also ist die Politik unseres Glückes Schmied?
Reinhold Popp: Jedenfalls ist sie mit verantwortlich und das bestimmt mehr, als uns bewusst ist. Die Politik schafft die Rahmenbedingungen innerhalb derer wir persönlich unsere Lebensqualität gestalten und unser Glück suchen können.
SF: Was wären etwa solche Rahmbedingungen?
Reinhold Popp: Es sind ganz stark die ökonomischen Rahmenbedingungen, einschließlich der Aspekte der Arbeit in der wir allerdings nur noch rund zehn Prozent unseres Lebens verbringen. Es ist auch die sozialstaatliche Ausrichtung der Politik, die ganz stark auf die Lebensqualität jedes einzelnen wirkt.


Macht Geld glücklich?
SF: Können nicht auch arme Leute glücklich sein?

Reinhold Popp: Der eine oder andere vielleicht schon. Es hängt ganz stark davon ab, wie die Armut entsteht. Ein Einsiedler, der freiwillig die Armut wählt, dies vielleicht auch mit einem tiefen philosophischen oder religiösen Hintergrund, kann durchaus glücklich leben. Für die Mehrheit der Menschen gilt das aber nicht. Für unfreiwillige Armut schon gar nicht.
SF: Dann macht Geld also glücklich?
Reinhold Popp: Nicht in jedem Fall. Aber wenn man die Menschen nach ihrer Lebenszufriedenheit fragt, ist es statistisch eindeutig, dass das untere Einkommensdrittel seine Lebensqualität selbst wesentlich schlechter einstuft, als das obere Einkommensdrittel. Das sagt, wie jede Statistik nichts über Einzelfälle aus. Es gibt in Einzelfällen erbärmlich unglückliche Reiche und zufriedene, glückliche Arme. Aber statistisch betrachtet sind romantische Vorstellungen über glückliche Armut nicht haltbar.
Allerdings gibt es auch ein anderes Phänomen. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe, sie liegt bei rund 3.000 Euro netto, fragen sich dann relativ viele Menschen, ob das nun alles gewesen ist. Sie suchen dann andere Werte und Lebenssinn. Menschen mit solchen Einkommen sind in den Medien und allgemein in den sich artikulierenden Schichten der Gesellschaft überproportional vertreten. Das führt dann dazu, dass im öffentlichen Diskurs auf die unteren Einkommensschichten vergessen wird.


SF: In dem jüngst erschienenen Buch „Gleichheit ist Glück“ behaupten zwei britische Wissenschaftler, dass in Ländern mit mehr Gleichheit, also etwa in den skandinavischen Ländern oder auch in Österreich, alle, auch die Wohlhabenden, besser leben, als in den Ländern mit mehr Ungleichheit, wie etwa Großbritannien oder Portugal. Teilen Sie diese Meinung?
Reinhold Popp: Ja. Das stimmt in zweierlei Hinsicht. Einerseits in Hinblick auf Vergleichsprozesse. Auch Armut wird weniger dramatisch erlebt, wenn die Leute rundherum, ähnlich wenig haben. Zum anderen ist es auch in reicheren Gesellschaften so, dass eine flachere Verteilung, vor allem wenn die Menschen das subjektiv auch so empfinden, die Lebensqualität erhöht. Das sagen mit ganz wenigen Ausnahmen alle einschlägigen Untersuchungen.


Was brauchen Menschen wirklich?
SF: Ist das subjektive Glücksempfinden nicht auch sehr trügerisches? Wenn ich zum Beispiel behaupte, dass viele Formen von Luxuskonsum, die Menschen scheinbar subjektiv glücklich machen, in Wahrheit nur ein Ausdruck geistigen und kulturellen Elends sind, was sagen Sie dann dazu?

Reinhold Popp: Da müssten wir darüber reden, was Luxus ist.
SF: Also zum Beispiel, wenn Kinder sich nur glücklich fühlen, wenn sie mit neuen, teuren Markenklamotten in die Schule gehen. Oder wenn Erwachsene sich glücklich fühlen, wenn sie mit überschweren, teuren und Sprit fressenden Autos in der Stadt herumkurven. Oder wenn Prestige-Urlaube scheinbar glücklich machen. Stehen wir nicht eigentlich vor der schwierigen Aufgabe, mehr Lebensqualität und Glück aus gleichzeitig geringerem Natur- und Ressourcenverbrauch herauszuholen?
Reinhold Popp: Möglicherweise ist das so. In den konkreten Fällen ist das aber schwierig zu lösen. Wenn zum Beispiel Jugendliche in machen Schulklassen einen starken Druck empfinden, gewisse Markenkleidung zu tragen, einfach um nicht ausgeschlossen zu werden, um dazuzugehören, dann stellt sich schon die Frage, wie gehe ich mit dem subjektiven Unglück des einzelnen Jugendlichen um, auch wenn das objektiv noch so fragwürdig ist. Man wird hier im Normalfall einfach manchmal nachgeben. Ich wäre hier nicht so furchtbar streng und denke, mit solchen Dingen kann man auch großzügig umgehen.
SF: Aber wenn Sie grundsätzlich sagen, dass individuelles Glück auch sehr von den ökonomischen und sozialstaatlichen Rahmenbedingungen abhängt, für die die Politik verantwortlich ist, warum soll dann die Politik nicht auf für kulturelle Werte und Bildungsaufgaben zuständig sein, zum Beispiel für mehr individuelle Souveränität gegenüber Konsumnormen?
Reinhold Popp: Ja und Nein. Grundsätzlich finde ich es wichtig, dass Menschen darüber nachdenken, was sie wirklich brauchen, um glücklich zu sein. Die Fähigkeit Maß zu halten gehört sicher dazu. Das kann eine vernünftige Politik auch unterstützen. Aber solche Fragestellungen führen sehr schnell dazu, das Wachstum überhaupt in Frage zu stellen. Diese Haltung sehe ich sehr kritisch. Wir brauchen auch weiterhin qualitatives Wachstum, das ja nichts anderes ist als das Wie von quantitativem Wachstum. Man muss diese wirtschaftlich strukturelle Seite und das wünschenswerte individuelle Maß halten auseinanderhalten. Ehrlicherweise muss man sagen, dass zur Aufrechterhaltung des Wachstums auch der Erlebnis- und Luxuskonsum notwendig ist.


An der Natur erfreuen
SF: Gehören die Natur, die Seen und Bäche, die Wälder und Parks, die Berge, die individuelle Fähigkeit, sich daran zu erfreuen und gleichzeitig deren Schutz sowie die gesetzliche Sicherheit, sie betreten zu dürfen, nicht ganz hinauf auf die Liste der Glücksbringer? Ist das nicht auch typisch österreichische Lebensqualität?

Reinhold Popp: Ja, und das ist auch ein Beispiel dafür, wie gesetzliche Bestimmungen, in diesem Fall das verfassungsrechtlich verankerte Recht auf freie Begehbarkeit der Natur, individuelle Lebensqualität ermöglichen. Solche Dinge werden von vielen Menschen als selbstverständlich angesehen. Das war aber ein mühsamer und langwieriger politischer Prozess. So ist es auch mit Seeufern, die vor gänzliche Verbauung geschützt werden. Oder, um ein ganz anderes Beispiel zu nehmen, so ist es auch mit dem Essen. Das tun die Österreicher auch gerne. Das gehört auch zu ihrer Lebensqualität und ihrem Lebensglück, vor allem verbunden mit gemütlichem Beisammensitzen. Der Anteil den daran die Lebensmittelkontrollen und Lebensmittelgesetze haben, die eine Mindestqualität der Nahrungsmittel garantieren und diesen Genuss erst sorgenfrei machen, wird hingegen gerne übersehen.


Gefährdungen des Glücks?
SF: Wir Österreicher sehen uns ja nicht als unglückliches Volk. Wenn man uns fragt, sagen wir mehrheitlich, wir leben ganz gut. Was wäre denn eine Gefährdung unseres Glücks oder unserer Lebensqualität?

Reinhold Popp: Die Österreicher sehen das mit einer Ausnahme sehr realistisch. Sie sorgen sich um ein funktionierendes allgemeines Gesundheitswesen, sie sorgen sich um Pensionen und Sicherheit, sie sorgen sich um Arbeitsplätze und Einkommen. Sie wissen, dass diese politischen Rahmenbedingungen eine Voraussetzung für ihr individuelles Lebensglück sind. Eine Gefährdung dieses sozialstaatlichen Konsenses wäre eine ernste Bedrohung für Lebensqualität „Made in Austria“.
SF: Welche ist diese Ausnahme?
Reinhold Popp: Die einzige Ausnahme, wo die Österreicher absolut irrational sind, ist die Zuwanderung. Sie ist - kontrolliert und zielgerichtet natürlich – angesichts unserer Bevölkerungsentwicklung für die langfristige Sicherung unserer sozialstaatlichen Systeme, und damit auch für die Sicherung der Rahmenbedingungen für individuelle Lebensqualität absolut notwendig. Aber das wird mehrheitlich nicht so gesehen.
SF: Vielen Dank für das Gespräch.


Interview: Heinrich Breidenbach


Univ.-Prof. Dr. Reinhold Popp ist Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien an der Fachhochschule Salzburg und Mitautor des Buchs „Lebensqualität – Made in Austria“.

Reinhold Popp, Reinhard Hofbauer, Markus Pausch: „Lebensqualität – Made in Austria. Gesellschaftliche, ökonomische und politische Rahmenbedingungen des Glücks“, LIT-Verlag, Wien 2010.


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