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Salzburger Fenster, Nr. 34/2010


Untere Salzach: Neue Kraftwerke im Schutzgebiet?

Politischer Anlauf aus Bayern für baldigen Baubeginn.


Millionen Euro wurden bisher in die naturnahe Sanierung der Unteren Salzach investiert. Jetzt sollen neue Kraftwerke kommen. „Die Zeit drängt“ sagt Landrat Georg Grabner vom Landkreis Berchtesgadener Land. Naturschützer sehen unvereinbare Widersprüche.


Der Konflikt an der Unteren Salzach ist programmiert. „Wir können in Zeiten des Klimawandels nicht auf die Wasserkraft verzichten. Neue Flusskraftwerke an der unteren Salzach müssen möglich sein.“ Auf diesem Standpunkt steht Georg Grabner, Landrat des bayerischen Landkreises Berchtesgadener Land. Die Sprecher der „Aktionsgemeinschaft Lebensraum Salzach“, Hannes Augustin vom Salzburger Naturschutzbund und Erich Prechtl vom Bund Naturschutz in Freilassing, kontern: „Das wäre mit allen bisherigen Investitionen in die vorbildliche naturnahe Sanierung der Unteren Salzach nicht vereinbar und würde einen hochwertigen geschützten Lebensraum auf Dauer beschädigen.“
Von der Stadt Salzburg bis zur Mündung in den Inn vor Braunau kann die Salzach auf sechzig Kilometern noch frei und ungehindert fließen. Weite Teile der dortigen Fluss- und Aulandschaften sind europäisch geschützte „Natura 2000“ Gebiete. Aber die untere Salzach gilt seit Jahrzehnten auch als Sanierungsfall. Die bedrohliche Eintiefung des Flussbettes, bedingt durch Geschiebemangel wegen der Kraftwerke an der Oberen Salzach und der künstlichen Begradigung und Einengung des Flusses im 19. Jahrhundert, erzeugt Handlungsbedarf.


Erfolge bereits sichtbar
Salzburg und Bayern haben daher nach aufwändigen jahrelangen Vorarbeiten gemeinsam ein naturnahes Sanierungskonzept für die Untere Salzach beschlossen. Kernstücke dieser Sanierung sind folgende: Der Fluss soll an mehreren Abschnitten mehr Platz bekommen, das verringert die Fließgeschwindigkeit. Die Ufer werden teilweise „weich“ gestaltet, sodass sich der Fluss bei Hochwasser wieder selbst Sand und Geröll holen kann. Die Durchlässigkeit zu den Aulandschaften wird hergestellt oder verbessert. Große Steine und Becken im Fluss, so genannte „aufgelöste Rampen“, sollen ebenfalls die Fließgeschwindigkeit reduzieren und neuen Lebensraum für Fische schaffen.
Der ressortzuständige Politiker auf Salzburger Seite, Landesrat Sepp Eisl gab im Oktober 2006 die Gesamtkosten für diese naturnahe Sanierungsmaßnahmen mit 35 bis 40 Millionen Euro an, die sich die Republik Österreich, der Freistaat Bayern und die EU teilen würden.
Erste große Schritte der Sanierung wurden bereits gesetzt. Vor Oberndorf etwa können schon eine „aufgelöste Rampe“, die „weichen Ufer“, eine Verbreiterung des Flusses und eine neue Verbindung zum Reitbach, der durch die Au fließt, bestaunt werden. Die Erfolge sind sichtbar. Die Salzach hat sich von den Ufern schon viel Sand und Geröll geholt. Neue Kiesbänke sind entstanden. Die Fließgeschwindigkeit vor der „aufgelösten Rampe“ ist ebenfalls reduziert.


Kraftwerks-Unterstützung aus Salzburg
Landrat Georg Grabner sieht die naturnahe Sanierung keinesfalls im Gegensatz zum Bau neuer Kraftwerke. Grabner: „Es kommt auf das konkrete Projekt an. Grundsätzlich müssen eine energiewirtschaftliche Nutzung der Salzach und die Sanierung vereinbar sein.“ Der Landrat denkt an mindestens zwei Kraftwerke, jedenfalls eines im Freilassinger und eines im Tittmoninger Becken. Und er ortet dafür neuerdings auch Verständnis in München und Salzburg. „Die früher ablehnende Haltung der bayerischen Staatsregierung und Salzburger Landesregierung hat sich aufgeweicht. Es ist jetzt vorstellbar.“
Erich Prechtl, Freilassinger Sprecher der „Aktionsgemeinschaft Lebensraum Salzach“ hält hingegen nicht nur die naturnahe Sanierung und die Kraftwerkspläne für „absolut unvereinbar“. Prechtl sieht auch rechtliche Barrieren: „Kraftwerke kommen im gesamten Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren für die Salzach-Sanierung und in den zugrunde liegenden Untersuchungen gar nicht vor. Die rechtlichen Grundlagen sind beschlossen und gültig. Daran haben sich die Politiker nun auch zu halten.“
Hannes Augustin als Salzburger Sprecher der Aktionsgemeinschaft sieht die Kraftwerkspläne ebenfalls als „unvereinbar mit dem hohen Schutzstatus der Salzachauen als europäisches Natura 2000 Gebiet“. Augustin: „Es geht hier wirklich um einen letzten großen unverbauten Flussabschnitt. Die geringe Stromausbeute durch neue Kraftwerke steht in keinem Verhältnis zur Schädigung dieses hochwertigen artenreichen Lebensraumes.“
Landrat Grabner drückt trotzdem aufs Tempo. „Bevor die nächsten Sanierungsschritte angegangen werden, muss über die Kraftwerke entschieden werden. Ich bin zuversichtlich, dass der Inhaber der Wasserrechte, die ´Österreichisch Bayerische Kraftwerke AG´ bald konkrete Projekte vorlegt, oder die Rechte an andere Interessenten abgeben wird.“
Bei der angesprochenen Kraftwerk AG bestätigt die für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Eveline Fitzinger zwar „Überlegungen“ für neue Kraftwerke an der Unteren Salzach. „Aber“, so Fitzinger, „ein einreichfähiges Projekt haben wir nicht“.


Heinrich Breidenbach


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