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„Regionale Schienen – Fachzeitschrift für Personen- und Güterverkehr“, Nr. 3-2010


ÖBB: Chronisches Desaster mit der Fahrradmitnahme


Der Salzburger Journalist Heinrich Breidenbach ist ein leidlich zufriedener Bahnkunde. Mit einer großen Ausnahme, nämlich der Fahrradmitnahme im Fernverkehr. Als Gastautor der „Regionalen Schiene“ schreibt er über seine Erlebnisse und träumt von besseren Verhältnissen.


Es tut dem persönlichen Image gar nicht gut und führt oft zu Kopfschütteln. Trotzdem oute ich mich gerne als leidlich zufriedenen ÖBB-Kunden. Die Verbindungen sind für meinen Bedarf ausreichend. Der Komfort in den Zügen genügt mir. Die Preise sind mit Vorteilskarte halbwegs erträglich, Mobilität kostet eben etwas. Ein paar Minuten Verspätung regen mich nicht sonderlich auf. Sogar mit den Fahrkarten-Automaten habe ich einen Waffenstillstand geschlossen.
Freilich fallen mir zahlreiche kleine und große Unzulänglichkeiten auf, aber ich nehme sie hin. Es gibt sie schließlich überall, auch in der privaten Wirtschaft. Nur steht diese unter weniger strenger Beobachtung und Vorverurteilung als die ÖBB.
So weit, so mittelmäßig. Aber es gibt eine große negative Ausnahme.


Gnadenakte für lästige Störenfriede
Das sind die Fahrradtransporte im Fernverkehr. Die klappen eigentlich nie zufriedenstellend. Zum Teil sind die Erlebnisse echt abschreckend. Noch nie, wirklich noch nie, habe ich als Kunde mit Fahrrad freundliches Entgegenkommen erlebt. Für die Herren des Gepäckwagens ist man ein lästiger Störenfried. So wird man auch behandelt. Selbst bei leeren Gepäckwagen verkommt die Mitnahme, vor allem ohne Reservierung, zum Gnadenakt.
Vor wenigen Wochen erlebte ich mit Freunden einen absolut negativen Höhepunkt. Zwei ÖBB-Gepäckwagenbegleiter drehten am Salzburger Hauptbahnhof durch. Partout wollten sie – trotz Reservierung - das Einladen von Fahrrädern in den Zug nach Wien verhindern. Behilflich waren sie sowieso nicht. Stattdessen gab es Behinderungen, Beschimpfungen und sogar tätliche Attacken.


Ungeeignetes Wagenmaterial
Grundsätzlich sind die Gepäckwagen für den Fahrradtransport ungeeignet. Sie sind zu hoch. Man muss die Räder mühsam hinauf stemmen. Es mangelt an Aufhängmöglichkeiten. Das führt dazu, dass die Räder hintereinander gestellt werden müssen, so dass man zu den zuerst abgestellten Rädern schon bald nicht mehr hinkommt. Die ungeeigneten Wagons zwingen das Personal zu einer hochkomplizierten Logistik. Auch das ist ein Grund, warum es sich so abweisend verhält.
Die ÖBB richten sich auf absehbar höhere Nachfrage nicht ein. Man kann Sonntagabende nach einem schönen verlängerten Wochenende mit Chaos an den Bahnsteigen erleben. So zum Beispiel einmal nach einen Fronleichnamswochenende am Bahnhof Linz. Ein älteres Ehepaar aus Vorarlberg wartete schon seit Stunden. Mehrere Züge hatten sie nicht mitgenommen. „Wenn der nächste Zug uns auch nicht mitnimmt, müssen wir in Linz übernachten“, klagten die Herrschaften schon reichlich verzweifelt. Ich selbst musste mich mit Freunden ebenfalls in Geduld üben, bis uns gnädig ein später Zug nach Salzburg mitnahm.


Ein Himmel voller Schäfchenwolken
Man könnte sich in Erinnerung an die vielen schlechten Erlebnisse in Rage schreiben. Über nicht funktionierende Reservierungsversuche, über die Pläne der ÖBB die Fahrradmitnahme im Fernverkehr noch mehr einzuschränken, weil in den neuen Railjet-Garnituren diese überhaupt nicht mehr vorgesehen ist, usw.
Lassen wir das und träumen stattdessen ein wenig von besseren Verhältnissen. Sofort taucht vor dem inneren Auge ein Himmel voller Schäfchenwolken auf.


So könnte es gehen:
- Die ÖBB wollen Fahrgäste mit Fahrrädern und setzen sich zum Ziel, dieses wachsende Kundensegment bestmöglich zu bedienen.
- Die ÖBB schauen, wie der Fahrrad-Transport insgesamt kundenfreundlicher bewerkstelligt werden kann. Sie suchen nicht ständig nach Argumenten, warum das nicht geht.
- Die ÖBB-Mitarbeiter bemühen sich, dass Kunden, die mit dem Fahrrad am Bahnsteig stehen, auch mitgenommen werden. Dies auch dann, wenn sie keine Reservierung haben. Der Fahrradtransport hat es nämlich an sich, dass er nicht immer planbar ist. Er hängt insbesondere bei Rückreisen oft vom Wetter, von Pannen, von der körperlichen Tagesverfassung, usw. ab.
- Die ÖBB-Mitarbeiter denken positiv, sind hilfreich und packen auch einmal zu.
- Die ÖBB stellen geeignetes Wagenmaterial für den Fahrradtransport im Fernverkehr zur Verfügung. Das wären etwa Niederflurwagons, in die jedermann und jederfrau selbständig mit dem Fahrrad einsteigen und dieses bequem so verstauen kann, dass jedes einzelne Rad am Zielbahnhof wieder zugänglich ist.
- Die ÖBB erleichtern die Reservierung von Fahrradtransporten, auch für Anschlusszüge.
- Die ÖBB verbessern ihr Reservierungssystem dahingehend, dass Fahrgäste, die Radmitnahme und Sitzplätze reserviert haben, in der Nähe des Paketwagens zu sitzen kommen und nicht am ganz anderen Ende des Zuges.
- Die ÖBB ändern ihre Strategie, mit der Einführung der neuen Railjet-Garnituren die Fahrradmitnahme aus dem Fernverkehr überhaupt zu verbannen. Sie suchen nach einer Lösung, diese strategische Fehlentscheidung zu korrigieren.
- Die ÖBB denken ein bisschen mit. Sie rechnen also damit, dass nach einem schönen verlängerten Wochenende – nehmen wir zum Beispiel das Fronleichnamswochenende -wesentlich mehr Kunden mit Fahrrädern auf den Bahnsteigen stehen.
- Die Eisenbahner-Gewerkschaft denkt auch die Kunden der ÖBB. Sie erkennt, dass niemandem ein Stein aus der Krone fällt und es keine Ausbeuterei ist, wenn ein Eisenbahner einmal ein Fahrrad angreift.
- Die ManagerInnen der ÖBB fahren weniger mit dem Dienstwagen und mehr mit der Bahn. Sie schlüpfen dabei in die Rolle einfacher Fahrgäste. Sie stellen sich also gelegentlich mit einem Fahrrad auf den Bahnsteig und registrieren mit wachen Sinnen, was ihnen dabei widerfährt…


Aufwachen! Aufwachen! Bevor es zu schön wird.
Andererseits. Ist das eigentlich zu viel verlangt?


Heinrich Breidenbach


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