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Salzburger Nachrichten, 16. August 2003


Mit dem Rad durch das rote Istrien

Lohnende Ziele an der Küste, wunderbare Routen im Landesinneren.


Satte grüne Pflanzen leuchten auf roter Erde. Das Landesinnere der Halbinsel Istrien mit flotten Hügellandschaften und verkehrsarmen Straßen ist ein Radfahrparadies.


Radfahrer wissen es. Die schönsten kulinarischen Erlebnisse kommen unerwartet und sind immer mit Anstrengung, Bewegung, Freundschaft und natürlich guter Küche verbunden.
Diesmal sorgt Frau Tikel für eine solche Überraschung. Klein, rund, lachend und mit glänzendem rotem Kopf verlässt Sie für wenige Augenblicke ihr Küchenreich und nimmt freundlich unsere Huldigungen entgegen. Ihr Wildschweingulasch mit selbstgemachten Gnocchi ist großartig. Das Sahnehäubchen darauf ist istrischer Trüffel, kräftig darüber gerieben, nicht mit der Goldwaage bemessen. Der volle, erdige Geruch füllt das ganze Bauernhaus. Dazu ehrlicher, kühler, junger Malvasia, der typische istrische Weißwein, und die Welt ist rund.
Wir sind auf einem Bauernhof im Dorf Karojba nahe der bekannten alten Festung Motovun in Istrien. Die Familie Tikel (*) bietet einfache Unterkünfte und gutes Essen inmitten einer sanften Hügellandschaft an.
Karojba ist Ausgangs- und Endpunkt unserer dreitägigen Radtour durch das "rote Istrien". Das hat nichts mit Politik zu tun. Das "weiße Istrien" ist der Karst, das helle Kalkgestein im Norden und Osten der Halbinsel. Das "graue Istrien" hat seinen Namen von den südlich angrenzenden flyschhaltigen Böden. Daran schließt sich das "rote Istrien" an. Die fruchtbare rote Erde wartet darauf bestellt zu werden. Im Kontrast mit satt leuchtenden grünen Pflanzen ist sie am schönsten.


Über luftige Hügel nach Rovinj
Die vielen asphaltierten Nebenstraßen im hügeligen Inneren Istriens sind tadellos radfahrtauglich und verkehrsarm. Die Routen-Auswahl ist nach wenig Kartenstudium groß. Das gilt, wohlgemerkt, nur für das Landesinnere.
Wir wenden uns am ersten Tag unserer Tour von Karojba südwärts nach Pazin, der Verwaltungshauptstadt Istriens. Dann geht es westwärts über Kanfanar, Bale und Brajkovici auf Umwegen im leicht hügeliegen, luftigen Radfahrgelände der Küste zu. Unser Ziel ist das alte Hafenstädtchen Rovinj. Nennen Sie es kitschig, aber Rovinj ist eine Perle. Wie so oft an der Adria prägt die Ansiedlung ein dicht bebauter Hügel, oben mit einer Kirche. Die Altstadt ragt als Halbkreis in die Adria hinaus. Zum Hafen hin öffnet sich die Stadt mit großzügigen Plätzen, umsäumt von Hotels, Restaurants und Cafes.
Radfahrer haben es in kleinen Städten gut. Man ist mobil. Wir fahren ein bisschen herum und finden in der Vorstadt schnell eine ordentliche Unterkunft. Am Abend geht es wieder hinein in der Altstadt. Wir landen in einer freundlichen Kneipe, beim "Veli Jose". Diese Erwähnung dürfen Sie als Empfehlung verstehen.
Am nächsten Tag strampeln wir Richtung Norden. An der Nordseite des Limski-Fjords führt eine bekannte Radstrecke hoch über dem Fjord zur Küste nach Vrasar. In der Radler-Literatur wird dieser Weg groß angepriesen. Er ist eine Enttäuschung, ein grüner Tunnel ohne Sicht auf de Fjord, zudem extrem holprig und mit Gepäck am Rad schlecht zu befahren.
Vrasar dagegen ist ein lohnende Ziel. Es ist wieder eines dieser hübschen mediterranen Städtchen an Istriens Küste, wo es sich gut leben lässt. Das selbe gilt auch für Porec, zehn Kilometer weiter nördlich. Dort ereilt uns am Nachmittag ein heftiger Gewitterregen. Also fahren wir nicht mehr weiter. Die Quartiersuche, es ist Anfang Juni, also noch die Zeit vor dem großen Touristenansturm, geht wieder problemlos schnell. Wir nehmen ein zentrumsnahes Privatquartier. Billig, freundlich, sauber und gut.

 


Vorsicht an der Küste
Auf eines müssen Radfahrer in Istrien achten. Es führen nicht überall radfahrfreundliche Wege direkt am Meer entlang. Die küstennahen Straßen sind verkehrsreich und verlaufen häufig ein Stück im Landesinneren. Von dort führen sie stichförmig zu den Dörfern und Städten am Meer. Das sollte man bei der Tourenplanung berücksichtigen und nach lohnenden Abstechern an die Küste wieder das Landesinnere aufsuchen.
Die 16 Kilometer von Porec nach Novigrad, die wir am nächsten Morgen in Angriff nehmen, ziehen sich unangenehm aus so einer verkehrsreichen Straße. Dafür wird es nachher um so schöner. Auf kleinen Straßen hügelauf und hügelab durch wunderbar duftende Wälder, Äcker und Wiesen über die Städtchen Buje und Sterna zur alten Festung Motovun. Dabei fallen uns selbst in den kleinsten Weilern die lückenlos zweisprachigen Ortstafeln mit den kroatischen und italienische Ortsnamen auf. Angesichts einer langen belasteten Geschichte aus wechselseitiger Unterdrückung und Vertreibung sind sie ein hoffnungsvolles Zeichen.
Der steile Weg hinauf vom Tal der Mirna auf den Festungsberg von Motovun ist die vorletzte Herausforderung. Wir freuen uns, dass wir diesen Anstieg nicht im heißen Hochsommer bewältigen müssen und empfehlen dringend Mai, Juni oder September als die schönsten Monate für Radtouren in Istrien.
Vom Festungsberg hinunter zieht es anschließend noch einmal ordentlich hinauf nach Karojba und wieder hinunter zu unserem Bauernhof der Familie Tikel. Das sind die mit dem Wildschweingulasch, den Gnocchi, dem Trüffel und dem Malvazia. Sie erinnern sich.


Heinrich Breidenbach


2.600 Kilometer Radwege

Informationen: www.istra.com


Laut offizieller kroatischer Tourismusinformation gibt es in Istrien mittlerweile 2.600 Kilometer Radwege. Drei Länder teilen sich die Halbinsel. Ein Stück im Norden bei Triest gehört zu Italien. Daran schließt der slowenische Teil mit einem schmalen Küstenabschnitt an. Der weitaus größte Teil Istriens ist kroatisch.
Informationen, Karten und einen Katalog über empfehlenswerte ländliche "Agroturizam"-Unterkünfte, das ist die istrische Variante von "Urlaub am Bauernhof", können beim "Tourismusverband der Region Istrien" (www.istra.com) in München, Bayerstr. 24, D - 80335 München, Tel.: 089-54 37 04 80, bestellt werden. Die Zusendung erfolgte beim Test prompt.
Auf der offiziellen kroatischen Internetseite www.croatia.hr finden Sie bei Klicks auf "Reiseführer" - "Aktivitäten" und dann "Radfahren" nützliche Informationen mit zahlreichen konkreten Routenvorschlägen. Lohnend ist auch ein Blick auf die slowenische Seite www.slovenia-tourism.si.


Unterkunft: Familie Mario Tikel, Karojba, Spinovci 88. Tel. 00385-52-68 34 04. Von Karojba Richtung Pazin, 2 Km, dann bei Schild "Agroturizam" rechts abbiegen, von hier noch rund drei Kilometer, teilweise ziemlich steil bergab.


Bildtexte:
Die zahlreichen verkehrsarmen asphaltierten Nebenstraßen in Landesinneren Istriens sind tadellos radfahrtauglich.
Fruchtbare rote Erde prägt die Landschaft.
Durchgehend zweisprachige Ortstafeln in italienischer und kroatischer Sprache sind ein erfreuliches Zeichen nach einer langen belasteten Geschichte aus wechselseitiger Unterdrückung und Vertreibung.
Fotos: Heinrich Breidenbach


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