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Salzburger Nachrichten, 13. August 2005


Mallorca abseits von Ballermann


Wandern in Mallorca. Bunte Orangenhaine und prachtvolle Olivenbäume. Einsame Wege zu Einsiedeleien, Klöstern, Berggipfeln, Buchten oder alten Festungen.


Von Heinrich Breidenbach


Es gibt doch keinen Bus von Bunyola nach Orient. Die Auskunft war falsch. Das einzige Taxi im Ort ist gerade auf dem Weg zum Flughafen nach Palma. Was tun? Laut Karte sind es elf Kilometer asphaltierte Autostraße bis Orient. Die laden nicht zum Marschieren ein. Und Orient soll ja nur der Ausgangspunkt einer Wanderung zur berühmten "Schicksalsfestung" Mallorcas, dem Castell d´Alaró sein. Ach was, wir stoppen einfach ein Auto. So wie früher. Das Erste bleibt gleicht stehen. Eine freundliche Mallorquinerin will ihre Eltern besuchen, vier Kilometer in Richtung Orient. Gut, wir werden von dort schon weiterkommen. Getäuscht! Die Straße ist einsam geworden. Sie schlängelt sich auf einen bewaldeten Pass und wieder hinunter in ein weites von Bergen umsäumtes Hochtal. Gelbes Korn wiegt sanft unter heißer Sonne. Ein paar Bauernhäuser liegen verstreut in der Landschaft. Hühner überqueren in aller Ruhe die Straße. Ein ländliches Idyll. Nur eines gibt es nicht, ein Auto in unsere Richtung. Mehr als eine Stunde lang kommt kein einziges. Orient, ein winziges Dorf mit ein paar Häusern, einer verschlossenen Kirche, einem Nobelhotel und Restaurants, erreichen wir schließlich doch. Aber zu Fuß.
Unser Erlebnis passt so gar nicht zum gängigen Bild von Mallorca. Dieses ist geprägt von Ballermann, besoffenen Kegelklubs, Verkehrshölle und gerösteten Urlaubermassen. Ganz offensichtlich aber hat der Würgegriff einer gefräßigen Bau-, Immobilien- und Tourismusindustrie die ganze Insel noch nicht erfasst.
Es gibt ein zweites, ein beschauliches und landschaftlich wunderschönes Mallorca. Dieses erschließt sich dem Besucher, der Tempo aus dem Urlaub herausnimmt und gelegentlich die Strandzone verlässt. Der Langsame sieht mehr. Das ist ein Argument für Wandern auf der Balearen-Insel.


Orangenhaine statt Höhenrekorde
Serra de Tramuntana heißt der Gebirgszug, der sich über 90 Kilometer vom Südwesten in den Nordwesten der Insel zieht. In dieser Region liegen nicht nur die schönsten Dörfer, naturgemäß gibt es hier auch die meisten Wanderrouten. 14 Gipfel zählen über tausend Meter. Der Höchste unter ihnen, der Puig Mayor erreicht 1.436 Meter.
Um Höhenrekorde geht es im Tramuntana-Gebirge also nicht. Die Wanderwege bieten anderes, dies dafür in großer Vielfalt. Sie führen durch bunte Orangen- und Zitronenhaine, schattige Steineichenwälder, Naturparks und Schutzgebiete, weite Hochtäler oder tief eingeschnittene Schluchten. Die Ziele können alte Einsiedeleien, prächtige Landgüter, Klöster und Festungen sein, oder aber Halbinseln, Badebuchten und einsame Berggipfel.
Für jede Kondition und jeden Geschmack ist etwas dabei. Die Auswahl reicht von leichten zwei- bis dreistündigen eher flachen Spaziergängen bis hin zu anspruchsvollen Bergtouren mit sieben bis acht Stunden Gehzeit.


Ein Weitwanderweg entsteht
Mit etwas Verspätung hat Mallorca nun auch den internationalen Trend zu Weitwanderwegen aufgegriffen. Ein Weitwanderweg, der GR 221, mit einer Gesamtlänge von 150 Kilometern ist im Entstehen und in Abschnitten auch bereits fertig. Er wird von Port d´Andratx im Südwesten der Insel über das gesamte Tramuntana Gebirge bis nach Pollenca im Nordwesten führen. Obwohl einzelne Etappen tatsächlich neu angelegt werden, wird freilich auch dieser Weitwanderweg nicht neu erfunden. Er verbindet vor allem bestehende Routen und alte, oft sehr hübsch gepflasterte, traditionelle Gebrauchswege die früher die Dörfer, Klöster, Festungen und Landgüter miteinander verbunden haben.
Im Jahr 2007 soll der GR 221 fertig sein. Dann werden entlang der gesamten Strecke auch Übernachtungsmöglichkeiten in dafür adaptierten Klöstern, Schutzhütten und umgebauten Bauernhöfen zur Verfügung stehen. Die bereits fertigen Etappen dieses Weitwanderweges sind landschaftliche Gustostückerln und gut beschildert.


Steinmauern und Olivenbäume
Der GR 221 Weitwanderweg wird auch "die Route der Trockensteinbauweise" genannt. Gemeint sind damit Steinmauern, die ohne Mörtelverbindung gebaut werden. Die Landschaften im Tramuntana-Gebirge sind geprägt von Arbeit. Von den Küsten bis weit in die Berge hinauf haben die Bewohner seit mehr als tausend Jahren mittels unzähliger dieser Trockensteinmauern Terrassen angelegt. So sind kleine ebene Anbauflächen entstanden. Sie verhindern Erosion und halten das knappe Wasser. Die Araber, vom zehnten bis zum dreizehnten Jahrhundert Beherrscher der Insel, haben die Kunst der Terrassierung und Bewässerung nach Mallorca gebracht.
Von den Arabern stammt auch eine ebenso poetische wie praktische Definition des Mittelmeerraumes. Dieser sei dort, wo der Olivenbaum wächst. Das ist eine Huldigung dieses wunderbaren Baumes, der uralt, ehrwürdig und knorrig jede Wanderung im Tramuntana-Gebirge begleitet. Es macht staunen wie aus steinharten, verwachsenen und knochentrocken scheinenden Stämmen immer wieder grüne junge Triebe mit reicher Frucht sprießen.
Die französische Schriftstellerin George Sand besuchte im Jahr 1838 mit einem ihrer zahlreichen Liebhaber, dem Komponisten Frédéric Chopin, Mallorca. Sie verbrachte dort einen fürchterlichen Winter und schrieb sich ihre Wut über die so engstirnig und dümmlich erlebte Insel-Bevölkerung im Reisebericht "Ein Winter in Mallorca" von der Seele. Die Olivenbäume aber nannte sie "die schönsten auf der Welt, die die Mallorquiner dank der überlieferten maurischen Methode aufs beste kultivieren". Wenig später bekommt die Bevölkerung freilich trotzdem ihr Fett weg: "Unglücklicherweise verstehen sie aus den Früchten nur ein ranziges, ekelerregendes Öl zu gewinnen." Nun, das Olivenöl ist nicht mehr ranzig, aber die Bäume stehen noch.
Auf Wanderungen in Mallorca lernt man den Olivenbaum lieben.


Claudia Schiffers Zaun
Heimisch ist das Wandern und Bergsteigen in Mallorca nicht. Es kam mit den Touristen. Die Infrastruktur des Wanderns wird daher auch vor allem zu touristischen Zwecken ausgebaut und hat in der Bevölkerung selbst nur eine sehr schwache Basis.
Das spürt man etwa bei den häufigen Absperrungen von Wanderwegen. Ein gesetzlich geschütztes Wegerecht gibt es nicht. Die Grundbesitzer begreifen die Wanderer oft als störende Eindringlinge. Da sind sich die alten aristokratischen heimischen Großgrundbesitzer mit den neuen reichen Ausländern durchaus einig. Auseinandersetzungen um das Wegerecht sind häufig. Lange Rechtsstreitigkeiten sind an der Tagesordnung. Es gab sogar schon Wanderer-Demonstrationen mit bis zu tausend Teilnehmern. Gelegentlich greifen die Wanderer auch zur Selbsthilfe. Das deutsche Top-Modell Claudia Schiffer etwa hat bei der Einzäunung ihres großen Grundbesitzes bei Camp de Mar einen bestehenden Wanderweg zu einem alten Piraten-Beobachtungsturm an der Spitze einer nahen Halbinsel unterbrochen. Die Wanderer haben den Zaun, überall dort wo er den Weg unterbricht, kurzerhand niedergerissen.


Steinmännchen
Wandersaison in Mallorca ist von Februar bis Juni und von September bis November. Juli und August sind sehr heiß und nur bedingt für längere, anstrengende Wanderungen geeignet. Bergschuhe und jedenfalls immer ausreichende Trinkvorräte sind notwendig. Auch wenn am Strand die Sonne scheint, kann in den Bergen überraschend Nebel einfallen und die Orientierung erschweren.
Ärgerlich ist die - mit Ausnahme des Weitwanderweges - meistens mangelhafte Markierung der Wege. Beschilderung und Farbe sind selten. Traditionell behilft man sich mit Steinmännchen, also kleineren oder größeren Pyramiden aus Steinen. Besonders schlecht markiert und schwer zu finden sind häufig die Anfänge der Wege. Auch deshalb sind nicht nur gute Karten, sondern zusätzlich auch die mittlerweile zahlreich gewordene deutschsprachige Wanderliteratur mit ihren genauen Routen-Beschreibungen unbedingt zu empfehlen.


Heinrich Breidenbach

 

 

 

 


Karte und Literatur:

Mallorca Tramuntana Central und Mallorca Tramuntana Nord
: Herausgegeben vom "Centro Nacional de Informacion Geografica" (CNIG), 2005, 1:25.000, Gute aktuelle Karten plus deutschsprachige exakte Routenbeschreibungen.
Wolfgang Heitzmann: Kompass-Wanderbuch Mallorca
Susanne Lipps: Wandern auf Mallorca, Dumont aktiv.
Internet: www.mallorca-camins.info : Immer aktuell gehaltene auch deutschsprachige Information über Wege, Übernachtungsmöglichkeiten, gesperrte Wege, Ausbaustand des Weitwanderweges, geführte Wanderungen, usw.


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