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Salzburger Fenster: Nr. 33-2006


Alpenklima: 50 Prozent weniger Schneefall

Auswirkungen bis hin zur Schifffahrt auf Donau und Rhein.


Ob bei Temperaturen, Schneedecke, Vegetation oder Gletschern: Der Klimawandel ist bereits Realität und wird massive Auswirkungen auf den gesamten Alpenraum haben. Bei Symposion "Klimawandel und Naturgefahren" in Neukirchen am Großvenediger wurde von führenden Wissenschaftlern der Stand der Forschung zusammengefasst.


Einzelne strenge Winter oder Kälte im Sommermonat August täuschen. Die Durchschnittstemperaturen in den Alpen, das belegen etwa die exakten Messreihen auf dem Rauriser Sonnblick in den Hohen Tauern, steigen kontinuierlich an. Wird das so weitergehen? Mit welchen Auswirkungen?
Im Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie wird ein virtuelles Daten-Netz aus allen verfügbaren klimarelevanten Fakten über die Welt gespannt. Daraus werden Erkenntnisse über globale Klimaänderungen gewonnen. Mit zusätzlichen regional detaillierten Informationen wird dieses Netz immer engmaschiger gestaltet und werden die konkreten Auswirkungen der weltweiten Veränderungen auf kleinere Regionen "modelliert".
Daniele Jacob, Leiterin der regionalen Klimaforschung am Max-Planck-Institut, war beim Symposium "Klimawandel und Naturgefahren" des österreichischen Umweltdachverbandes und des Umweltministeriums in Neukirchen am Großvenediger zu Gast. Die Wissenschaftlerin berichtete über die wahrscheinlichsten Veränderungen in den Alpen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts.


Plus 4 Grad und um die Hälfte weniger Schnee
Die Jahresmitteltemperatur würde sich demnach in den Alpen in den nächsten hundert Jahren um 3 bis 4,5 Grad erhöhen. Cirka ab dem Jahr 2030 wird der Anteil des Schneefalls an den Gesamtniederschlägen stark zurückgehen, bis zum Ende des Jahrhunderts um fünfzig Prozent. Parallel dazu gehen, je nach Höhenlage, die Anzahl der Tage mit einer Schneedecke von mehr als drei Zentimeter drastisch zurück. Selbst in Höhenlagen, wie jenen von Zermatt oder St. Moritz, wird dieser Rückgang dreißig Prozent betragen. Darunter werden weite Alpenregionen, die heute noch als schneesicher gelten, nicht mehr das gewohnte Bild einer weißen Winterlandschaft bieten.
Seit 1980 verlieren die Gletscher in Österreich Jahr für Jahr an Masse und Ausdehnung. Michael Kuhn, Leiter des Instituts für Meteorologie und Geophysik an der Universität Innsbruck, hat eine Faustregel erarbeitet. Jedes zusätzliche durchschnittliche Grad Wärme kostet den Gletschern 80 Zentimeter Dicke pro Jahr. Es kann auch schlimmer kommen. Kuhn: "Allein der verheerende Sommer 2003 hat den Alpengletschern zwei bis drei Meter Eisdicke gekostet."


Hochwasser und Wassermangel
Über die Auswirkungen des Gletscherrückganges auf den Wasserhaushalt berichtete die Gletscherforscherin Heidi Escher-Vetter von der Bayrischen Akademie der Wissenschaften.
Das Schmelzen der Gletscher und der bereits sichtbare Verlust der Wasser speichernden Firnfelder auf dem "ewigen Eis" würden laut Escher-Vetter zuerst eine Verschärfung der Hochwassersituation in den Tälern bedeuten. Langfristig allerdings, wenn die Gletscher in heißen und trockenen Sommern kein Schmelzwasser mehr abgeben können, würde dies zu Wassermangel führen. Dies betrifft nicht nur die Gletscherbäche und alpinen Flüsse, sondern hat auch Auswirkungen bis weit in das Alpenvorland. Betroffen davon würden etwa auch die Schifffahrt auf Donau und Rhein oder die Kühlung von Kraftwerken sein.


Heidi Escher-Vetter ist Mitglied eines Forscherteams, das aus dem Vernagtferner, einem Gletscher im Tiroler Ötztal den bestuntersuchten und fortlaufend vermessenen Gletscher der Alpen gemacht hat. Auch die Ergebnisse dieser Messreihen lassen an der Realität des Klimawandels keinen Zweifel. Seit 1974 hat sich der Jahresabfluss aus dem Vernagtferner verdoppelt. Die kurzfristigen Abflussschwankungen haben sich verdreifacht. Die Temperaturen der Monate Juni, Juli und August im Gletschergebiet lagen 2005 im Mittel um drei Grad höher als im Jahr 1976.


Natürliche Klimaschwankung?
Auch die Forschungsergebnisse von Wissenschaftlern aus den Bereichen alpine Vegetation, Permafrost, alpine Gefahren oder Tourismus bestätigten eine bereits messbare Klimaänderung. Handelt es sich dabei nun um eine "natürliche Klimaschwankung", wie es sie in der Geschichte immer wieder gab, oder um eine vom Menschen und seinen Treibhausgasen gemachte Erwärmung? Auch diese Frage wurde in Neukirchen aufgeworfen. Die natürlichen Klimaschwankungen in der Vergangenheit seien sehr viel langsamer vor sich gegangen, meinte dazu die Meteorologin Daniela Jacob: "Vor allem die Geschwindigkeit der Erwärmung spricht sehr stark dafür, dass der Mensch am Klimawandel ursächlich beteiligt ist."


Heinrich Breidenbach


Kurzfassungen der Referate unter www.umweltdachverband.at


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