Journalismus
Meinung. Kommentare

zurück zur Übersicht
Salzburger Nachrichten, 22. Juli 2006


Der "Regenwald der Österreicher" wächst in Costa Rica

Ein Wettlauf gegen die Abholzung. Amerikanische Stiftung verdoppelt Spenden


Mit österreichischen Spendengeldern wird ein gefährdeter Regenwald freigekauft und in einen Nationalpark eingebracht. Das Projekt bringt Naturschutz, Arbeitsplätze und Regionalentwicklung unter einen Hut.


Palmöl-Plantagen, ausgedehnte grüne Felder, Kühe mit lustigen Eselsohren, eine holprige Straße, einfache Häuser, klapprige Fahrräder, Pferde, alte Autos, spielende Kinder und freundliche Menschen. So gesehen ist La Gamba ein typisches Dorf im Süden Costa Ricas.
Für Besucher aus Österreich ist der Ort trotzdem etwas Besonderes. Schilder weisen den Weg zu einer "Tropenstation" der Universität Wien und zum "Regenwald der Österreicher".
La Gamba grenzt an den Esquinas-Regenwald. Um diesen Wald läuft seit vielen Jahren ein Wettrennen zwischen Schützen und Zerstörung. Eine österreichische Initiative nimmt an diesem Wettlauf teil und erweist sich dabei als ebenso schnell wie ausdauernd.
Es geht um ein Gebiet von insgesamt 146 Quadratkilometern. Der ökologisch besonders wertvolle Regenwald ist Heimstatt von 100 Reptilien- und Amphibien-, 350 Vogel-, 6.000 Insekten- und 3.000 Pflanzenarten. 140 Säugetierarten, darunter Jaguare, Ozelots, verschiedene Affen, Nasenbären, Ameisenbären und Faultiere sind ebenfalls in ihm heimisch. Auf nur einem Hektar dieses Regenwaldes wachsen über 180 verschiedene Bäume. Zum Vergleich: In ganz Mitteleuropa gibt es nur rund 50 Baumarten.
Damit beginnt schon ein Teil des Problems. Die riesigen tropischen Hartholzbäume sind begehrt und teuer. Noch im Jahr 1991 befand sich der gesamte Esquinas-Regenwald, inklusive der Jagd- und Holzschlägerungsrechte im Besitz privater Grundbesitzer. In allerletzter Minute wurde er von der Regierung Costa Ricas zum Nationalpark "Piedras Blancas" erklärt. Dieser erste Schritt blieb allerdings weitgehend folgenlos, weil die privaten Nutzungsrechte fortbestanden und die finanziellen Mittel Costa Ricas nur zum Freikauf eines Teils der Fläche ausreichten.

 

 


Schon 65 Prozent freigekauft
In dieser Situation gründete Michael Schnitzler, Professor an der Wiener Musikuniversität und Enkel des berühmten Dichters Arthur Schnitzler, den Verein "Regenwald der Österreicher". Hauptzweck der privaten Initiative war und ist, den gefährdeten Regenwald von jeder Nutzung freizukaufen und anschließend der staatlichen Nationalparkverwaltung zu schenken. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden. 15.000 Österreicher spendeten bislang 2 Millionen Euro für über 33 Quadratkilometer Regenwald.
Zusammen mit den Freikäufen der Regierung Costa Ricas und von US-amerikanischen Umweltorganisationen konnten damit bisher 90 Quadratkilometer Esquinas-Regenwald dauerhaft unter Schutz gestellt und in den Nationalpark eingegliedert werden. Das sind immerhin schon 65 Prozent. Aber der Wettlauf geht weiter. Noch darf in weiten Teilen des Waldes geschlägert und gejagt werden. Um das tropische Paradies vollständig und endgültig zu erhalten, fehlen noch die Mittel für die restlichen 56 Quadratkilometer.
Es ist erklärtes Ziel der österreichischen Regenwaldschützer, dafür die treibende Kraft zu bleiben. Michael Schnitzler lässt auch nach 15 Jahren Engagement nicht locker: "Wir wollen die Freikäufe zügig weiter vorantreiben. Dazu brauchen wir weiterhin die Hilfe österreichischer Spender."
Mit nur zehn Euros können rund 100 Quadratmeter Regenwald freigekauft werden. SpenderInnen erhalten vom Verein "Regenwald der Österreicher" ein farbiges Zertifikat mit ihrem Namen. Sie sind damit symbolische Eigner eines Stücks Regenwald. Man kann auch, wird die Spende als Geschenk getätigt, den Namen der Beschenkten in das Zertifikat eintragen lassen. Aktuell gibt es noch einen zusätzlichen Spendenanreiz. Bis zum Jahr 2007 werden alle österreichischen Freikaufspenden von der US-amerikanischen Robert Wilson Stiftung verdoppelt.

 


Der Wilderer als Regenwaldführer
Es wäre nahe liegend, dass die Bewohner von La Gamba mit dem Naturschutzprojekt wenig Freude haben. Bezogen sie doch früher als Holzfäller, Jäger und auch als Wilderer einen Teil ihres Einkommens aus dem Regenwald. Es gibt sie auch noch, die illegalen Holzfäller und Wilderer. Nächtens knallt es manchmal und morgens ist gelegentlich von einem Urwaldriesen nur noch der Baumstumpf übrig. Aber es hat sich viel verändert.
Costa Rica setzt insgesamt erfolgreich auf Natur- und Ökotourismus. 26 Prozent der Landesfläche wurden bereits als Nationalparks oder sonstige Schutzgebiete ausgewiesen. Und der Tourismus in das vielfältige tropische Paradies mit seinen Vulkanen, Regenwäldern, Küsten und Flüssen boomt. Er bringt bereits mehr Geld ins Land, als der traditionelle Export von Bananen und Kaffee.
Konkret hat auch der Regenwaldschutz gute neue Jobs nach La Gamba gebracht. So arbeiten etwa ehemalige Holzfäller als Wildhüter und Nationalparkwächter. Auch dies wird zum Teil von der österreichischen Initiative finanziert. Vor allem aber bringt auch hier der Natur-Tourismus neue Arbeitsplätze in das Dorf.
José, zum Beispiel, ist ein hervorragender einheimischer Kenner des Regenwaldes. Er war früher - wie er freimütig bekennt - selbst Wilderer. Eine seiner Jagdspezialitäten waren Pakas, kleine, possierliche Nagetiere, die am Waldboden nach Nahrung suchen. Sie sind wegen ihres feinen Fleisches sehr begehrt. Mit dem Verkauf von nur acht Pakas kann ein Wilderer einen Monat lang alle Grundnahrungsmittel für seine Familie kaufen. Das ist eine große Versuchung in einem armen Land.
Heute aber züchtet José im Garten hinter seinem schmucken, neu gebauten Haus Pakas, um sie später wieder auszuwildern. Er sieht darin eine kleine Wiedergutmachung für sein früheres Treiben als Wilderer. José lebt jetzt davon, Touristen durch den Regenwald oder auf Pferden in die Umgebung La Gambas, zu glasklaren Flüssen und Wasserfällen, zu führen. Auch diese neuen Existenzmöglichkeiten sind der österreichischen Initiative zu danken. Eng mit dem Feikaufprojekt verknüpft ist nämlich die touristische "Esquinas Rainforest Lodge". Direkt am Rande des Regenwaldes wurden 14 "Cabinas", ein kleiner Pool und ein Restaurant gebaut. Hier machen viele Costa Rica-Urlauber Station und bezahlen dafür einen guten Preis.


Jobs, Wasser und ein erster Sattel
In der Esquinas Lodge lässt es sich angenehm und komfortabel verweilen. Im Teich vor dem Restaurant tummelt sich Alligator "Lorenzo", das Maskottchen der Lodge. Bunte Vögel, tropische Blumen und Affen gehören zum Urlaubserlebnis. Zahlreiche markierte Pfade in den Regenwald laden zu Entdeckungen ein. Angeboten werden auch geführte Wanderungen durch den Regenwald, Tagesauflüge zu Mangrovenwäldern an der nahen Pazifik-Küste, Führungen durch den Ort La Gamba oder Ausflüge mit Pferden in die Umgebung.
Es ist ein Prinzip der Esquinas Rainforest Lodge, dass von ihr die lokale Bevölkerung profitieren soll. Sie bringt Arbeit für insgesamt rund 20 Köchinnen, Reinigungskräfte, Wäscherinnen, ortskundige Führer oder Fahrer. Die Managerin ist eine Tourismus-Fachfrau aus dem nahen Städtchen Golfito. Die Lebensmittel werden vornehmlich von ansässigen Bauern gekauft, die Pferde ebenfalls von ihnen bereitgestellt, usw. Die Arbeitsplätze in der Esquinas-Lodge sind begehrt. Die Löhne liegen leicht über dem landesüblichen Durchschnitt, Sozialversicherung wird bezahlt und es gibt keine Kündigungen, wenn in der Regenzeit die Touristen weniger werden. Das gibt Sicherheit. Und so kann es schon vorkommen, dass man etwa beim Besuch im Haus von Küchenchefin Maria Zeuge einer Familienkonferenz wird, bei der es schon um einen kleinen Luxus geht. Der zehnjährige Sohn wünscht sich unbedingt einen ersten Sattel. Sein Argument, auch der Bruder habe unlängst ein schönes Geschenk bekommen und es müsse schließlich Gerechtigkeit im Haus herrschen. Mutter und Vater zwinkern zuversichtlich. Ja, wenn die Familie eine Zeit lang fest spart, wird sich der erste Sattel für den Buben irgendwann in den nächsten Monaten schon ausgehen.
Neben dem Tourismus-Projekt hat der Verein "Regenwald der Österreicher" auch einen eigenen "La Gamba Fonds" ins Leben gerufen. Mit ihm werden in guter Kooperation mit der Gemeinde La Gamba wichtige Infrastruktur-Maßnahmen wie Wassertanks, Wasserleitungen oder die Renovierung von Schule und Gemeindesaal finanziert.
Die geglückte Kombination aus Umweltschutz, neuen Arbeitsplätzen und partnerschaftlicher Regionalentwicklung hat zu einer hohen Akzeptanz des Regenwald-Schutzes in der Bevölkerung beigetragen.


Heinrich Breidenbach


Information: Verein Regenwald der Österreicher, Währinger-Str. 182/24, 1180 Wien. Tel.: 01-4701035, www.regenwald.at

 

 


Zwischen Ausverkauf und Öko-Tourismus

Costa Rica, die Schweiz Mittelamerikas, setzt auf einen brisanten touristischen Mix


Mit österreichischen Spendengeldern wird ein gefährdeter Regenwald freigekauft und in einen Nationalpark eingebracht. Das Projekt bringt Naturschutz, Arbeitsplätze und Regionalentwicklung unter einen Hut.


Roxanne, eine nette, quirlige Kanadierin, ist begeistert. Nur 400.000 Dollar für sieben Hektar Grund, mit Haus, Pool, einem kleinen Fluss mit Wasserfall und "ocean view". Wenn das kein Schnäppchen ist! Da muss sie doch einfach zuschlagen. Alexander, der gelassene, heimische Vermittler des Immobilien-Deals bekräftigt die Käuferin. Das Angebot sei wirklich außergewöhnlich günstig. Sie könne damit gar keinen Verlust machen, die Grundstückspreise würden sowieso Jahr für Jahr steigen. Sie kaufe sich nicht nur ein Stück vom Paradies, sondern mache zudem ein sicheres Investment.
Am nächsten Morgen kommt ein Anwalt in die Hotelbar. Ein bisschen "paperwork" muss sein, und wieder hat ein Stück Costa Rica den Besitzer gewechselt. Der Vorgang findet Tag für Tag massenhaft in Costa Rica statt.
"Se vende", "zu verkaufen" ist der Schlachtruf, vor allem in den Tourismusregionen des kleinen mittelamerikanischen Landes Costa Rica mit seinen vier Millionen Einwohnern geworden. Eine Unzahl von Grundstücken und Häuser werden feilgeboten. Die Käufer sind vor allem US-Amerikaner, Kanadier und Europäer. Die "Ticos", wie sich die Bewohner Costa Ricas ein wenig selbstironisch nennen, können nur verkaufen. Für sie sind die Immobilien-Preise bereits unerschwinglich teuer geworden. Für die "Gringos" sind sie noch vergleichsweise günstig, wenn auch nicht mehr fast geschenkt, wie noch vor wenigen Jahren.
Der Immobilien Boom ist sowohl eine Folge als auch eine Mitursache des aufstrebenden Tourismus im Land. Die ausländischen Investoren, egal ob sie nun Hotels, Feriendörfer und Golfplätze in die Landschaft stellen, oder nur Internet-Cafes und ein paar einfache vermietbare Strandhütten, ziehen immer mehr Touristen und damit frisches Geld ins Land. Ob unterm Strich der wirtschaftliche Nutzen des Ausverkaufs überwiegen wird, oder die durch ihm verursachten sozialen Verwerfungen, ist noch nicht entschieden. Anhaltspunkte gibt es für beides.


Mehr Geld als durch Bananen-Export
Costa Rica gilt als die Schweiz Mittelamerikas. Das Land ist eine stabile Demokratie mit hoher Rechtssicherheit. Seit 1949 verzichtet es auf eine eigene Armee und erspart sich dadurch nicht nur die lästige putschfreudige lateinamerikanische Offizierskaste, sondern auch viel Geld, das in Bildung und Gesundheitsversorgung besser investiert werden konnte.
Auch deshalb liegt Costa Rica in Punkto Lebensstandard, Lebenserwartung, medizinischer Versorgung und Bildungswesen weit vor allen anderen Ländern der Region. Das zieht nicht nur reiche Ausländer an. Das gastfreundliche Land kämpft auch mit einer riesigen illegalen Einwanderung aus ganz Mittelamerika, vor allem aus dem Nachbarland Nicaragua.
Touristisch setzt das Land auf Natur- und Ökotourismus. Dafür ist es auch prädestiniert. Die Vielfalt an Landschaften und Vegetation ist - bezogen auf die Fläche des Landes - außergewöhnlich. Lange Küsten zum Pazifik und zum Atlantik, Berge, Hochland, Regenwälder, Flüsse, Wasserfälle, Vulkane. Es ist alles da. 26 Prozent der Landesfläche wurden bereits als Nationalparks oder sonstige Schutzgebiete ausgewiesen. Und der Tourismus boomt. Er bringt bereits mehr Geld ins Land, als der traditionelle Export von Bananen und Kaffee.


Heinrich Breidenbach


zurück zur Übersicht