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Salzburger Fenster: Nr. 18-2006


Energiepflanzen: Gefahr für den Bio-Landbau

Einfallstor für Gentechnik - weltweite Flächenkonkurrenz - steigende Preise


Der Wind hat sich gedreht. Überproduktion wird bald Vergangenheit sein. Die Landwirtschaft wird weltweit immer mehr zum Produzenten für Energie und Industrie-Rohstoffe. Das erzeugt Flächenkonkurrenz und ist ein Einfallstor für intensive Produktion mit Chemie und Gentechnik. Die gute Nachricht für die Bauern: Die Preise werden steigen.


Wir beobachten das mit Argusaugen." Sepp Machreich, Obmann des Salzburger Landesverbandes von Bio-Austria, sieht die derzeit weltweit rasant voranschreitende Ausweitung landwirtschaftlicher Produktion für Energiegewinnung und Industrie-Rohstoffe zwar "grundsätzlich positiv". Aber, so Machreich, "es stecken große Gefahren für den Bio-Landbau darin".
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Rasant entwickeln sich aktuell neue Produktionsmöglichkeiten für die Landwirtschaft.
In Deutschland ist nach Angaben der "Fachagentur für nachwachsende Rohstoffe" (FNR) die Anbaufläche für Energie- und Industriepflanzen von 200.000 Hektar im Jahr 1993 auf 1,56 Millionen Hektar im Vorjahr gestiegen. Das sind bereits 13 Prozent der gesamten Anbaufläche in Deutschland und fast eine Verachtfachung in nur 13 Jahren. Die Tendenz zeigt weiter steil nach oben.


Autos fressen Mais und Weizen
In den USA treibt seit wenigen Jahren der Boom von Ethanol-Gewinnung aus Maispflanzen die Preise für Mais in die Höhe. Ethanol ist Alkohol, der als Treibstoff verwendet werden kann und Benzin oder Diesel beigemengt wird. 118 Ethanol-Fabriken sind in den USA innerhalb weniger Jahre aus dem Boden geschossen. Sie produzieren 35 Milliarden Liter Ethanol und verbrauchen bereits ein Viertel der gesamten US-Maisernte. Für die Farmer ist das ein Segen. Der Abnahmepreis für Mais hat sich vervielfacht.
Aber der Boom zeigt bereits Schattenseiten. Die gestiegenen Preise haben im Nachbarland Mexiko das Grundnahrungsmittel Mais für die beliebten Tortillas so verteuert, dass er für große Teile der Bevölkerung nicht mehr erschwinglich ist. Zehntausende gingen wütend auf die Straße. Amerikanische Autos gegen hungrige Mexikaner. Das ist ein Paradebeispiel für eine neue globale Konkurrenz.
Auch in Österreich hält der Boom Einzug. Derzeit errichtet die Raiffeisen-Tochter "Agrana" in Pischelsdorf im Tullnerfeld eine Ethanol-Fabrik. Hier soll vor allem Weizen von 70.000 Hektar Ackerfläche zu 200.000 Kubikmeter Ethanol jährlich verarbeitet werden. Ein sicheres Geschäft. Schreibt doch die EU-Treibstoffrichtlinie ab 1. Oktober 2007 2,5 Prozent und ab 1.Oktober 2008 5,75 Prozent Beimengung von "Bio-Sprit" in Benzin oder Diesel vor. Für nachhaltigen Absatz ist damit gesorgt.


Konkurrenz um Holz
Für die Landwirtschaft im Grünland sind die Auswirkungen des Energie- und Industriepflanzenbooms abgeschwächt. Das trifft auf den größten Teil der Landwirtschaft in Salzburg zu. Hier geht es vornehmlich um Holz. Im Vorjahr hat sich bereits eine Konkurrenz um den wieder begehrteren Rohstoff gezeigt. Lautstark beklagte die heimische Papier- und Faserplatten- Industrie die Verteuerung und Verknappung von Holz durch den gestiegenen Verbrauch für Hackschnitz- und Pellets und andere Heizzwecke. Agrar-Landesrat Sepp Eisl relativiert die Entwicklung: "Da war viel künstliche Aufregung dabei. Der Preis für Industrieholz war auch im Vorjahr immer noch weit dem von zum Beispiel dem Jahr 1990. Und heuer ist er als Folge der großen Schadholzmengen aus dem Sturm Kyrill schon wieder gesunken." Grundsätzlich aber sieht auch Eisl den Trend: "Alle Rohstoffe, auch solche aus der Landwirtschaft, werden teurer werden. Es ist gut möglich, dass auch Salzburger Bauern in Zukunft zum Beispiel mehr Mais für Energiezwecke anbauen."


Strom statt Milch
Was es in Salzburg als Pilotprojekt bereits gibt, ist die Verwendung von Gras zur Produktion von Strom und Warmwasser. In Eugendorf haben sich vier Bauern zur "GrasKraftwerk Reitdorf Genossenschaft" zusammengeschlossen. Nicht mehr Kühe bekommen dort das Gras von den Bauernwiesen. Damit wird jetzt ein modernes Kraftwerk gefüttert. Das Gras wird vergoren. Mit dem entstehenden Methangas produzieren die vier Bauern Strom und Wärme, statt Milch und Fleisch. Dort allerdings ist der Bio-Kreislauf perfekt. Mit dem vergorenen Gras aus dem Graskraftwerk werden die Wiesen wieder gedüngt. Alles ohne Chemie, Gentechnik oder Kunstdünger. Trotzdem: Wenn aus Wiesengras profitabel Strom und Wärm gewonnen werden kann und dies nicht nur in einem Pilotprojekt, sondern in vielen Anlagen passiert, könnte in Zukunft auch eine Flächenkonkurrenz um die ganz normale Bauernwiese und ihr Gras entstehen.


Treibstoffe, Farben, Asphalt…
Grundsätzlich kann die Landwirtschaft in vielen Bereichen einen vollwertigen Ersatz für die derzeit noch vorherrschenden petrochemischen Rohstoffe liefern. Die Bandbreite der Anwendungen ist groß. Treibstoffe oder Treibstoffzusätze aus Pflanzen sind technisch kein Problem mehr. Mais, Weizen, Zuckerrüben, Zuckerrohr, Kartoffel, Raps oder Reis können dafür verwendet werden. Aber noch viel mehr: Mit Farben auf Soja-Öl-Basis werden bereits die Hälfte aller Tageszeitungen der USA gedruckt. Dämmstoffe sind eine weitere Anwendungsmöglichkeit. Fette, Öle und Schmierstoffe für die Industrie, Waschmittel und Kunststoffe können ebenfalls vom Acker kommen. Verpackungsmaterial auf Stärke-Basis ebenso. Rapsöl wird bereits als Rohstoff für Straßenasphalt verwendet. Die Liste der Anwendungen ist noch lang.


Intensiv und mit Gentechnik
Je teurer und knapper Erdöl wird, desto größer wird weltweit der Hunger nach Energie und Rohstoffen vom Acker. Desto größer wird freilich auch die Versuchung, die Pflanzen möglichst billig großindustriell anzubauen und gentechnisch für die speziellen Bedürfnisse der Industrie zu verändern. Das ist möglich. Der Energie- und Stärkegehalt der Pflanzen können gentechnisch beeinflusst werden, ebenso viele andere Eigenschaften, welche eine industrielle Verarbeitung erleichtern. Zudem könnten die hartnäckigen Bedenken der Konsumenten gegenüber Gentechnik in der Landwirtschaft für Industriepflanzen wesentlich geringer sein, als für Lebensmittel.
Die Gentechnik-Befürworter haben dies ebenso erkannt, wie deren Kritiker. Univ.-Prof. Josef Glößl vom Zentrum für angewandte Genetik an der Universität für Bodenkultur in Wien sieht in den nachwachsenden Rohstoffen einen "wichtigen Bereich" für gentechnische Anwendungen: "Durch das Maßschneidern von Inhaltsstoffen von Pflanzen kann die industrielle Verarbeitung erleichtert werden", bricht er im "dialog-gentechnik", einer Internet-Plattform der einschlägigen Industrie, eine Lanze für die Gentechnik in der Landwirtschaft.


Tür und Tor geöffnet
Was die Befürworter als Chance sehen, ist für die Kritiker ein gefährliches Einfallstor. "Die Gefahr ist groß", warnt Roman Liebhart, Biobauer und Obmann des Agrarbündnis Österreich anlässlich einer Bilanz-Pressekonferenz nach zehn Jahren Gentechnikvolksbegehren, "dass über die viel propagierten Zukunftsbereiche der Landwirtschaft wie nachwachsende Rohstoffe und Bioethanol der Gentechnik Tür und Tor geöffnet werden."
Ähnlich sieht das der BUND Naturschutz in Deutschland. Er warnt vor einem "Gentechnik Durchmarschgesetz in Deutschland: "Hauptgrund für die Erweiterung der Anbauflächen mit gentechnisch veränderten Mais in Ostdeutschland ist die verstärkte Erzeugung von Rohstoffen für Biogasanlagen." Und Hubert Weiger, agrarpolitischer Sprecher des BUND ergänzt: "Ein überzogener Anbau von womöglich auch noch gentechnisch manipulierten Energiepflanzen für Sprit fressende Autos hilft weder der Umwelt noch dem Klima. Das führt nur zu einer Intensivierung der Landwirtschaft."


"Nicht mehr in Bauernhand"
Sepp Machreich, Obmann des Salzburger Landesverbandes von Bio-Austria, verlangt, dass gesetzlich "alle Schlupflöcher für Gentechnik durch die Hintertür geschlossen werden". Er warnt vor der Entwicklung von zwei Landwirtschaften, einer für Nahrungsmittel und einer anderen für Energie- und Industriepflanzen mit jeweils unterschiedlichen Standards und Maßstäben: "Es kann kein Nebeneinander von Biolandbau und intensivem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen für industrielle Zwecke geben. Dann wäre der Bio-Landbau zum Scheitern verurteilt. Die Trennung funktioniert nur am grünen Tisch und im Labor, in der Natur nicht."
Ein Dorn im Auge ist den Bio-Bauern auch, dass der Begriff "Bio" nur im Lebensmittelbereich geschützt ist. "Bio-Ethanol" oder "Bio-Diesel" hat mit biologischer Anbauweise nichts zu tun, sondern besagt nur, dass diese Treibstoffe aus Pflanzen-Rohstoffen gewonnen werden. Sepp Machreich: "Aber wenn zum Beispiel Ölfrüchte in irgendeinem Land der dritten Welt intensiv angebaut werden und dann mit langen Transportwegen bei uns zu angeblichem ´Bio-Sprit´ verarbeitet werden, hat das mit Umweltschutz natürlich nichts mehr zu tun." Sein Resümee: "Gut ist, wenn die Landwirtschaft - wie sie es vor dem Erdölzeitalter ja auch war - wieder die Rohstoffe für Energie, Handwerk und Industrie liefert. Schlecht ist aber, wenn damit Verschwendung und grenzenloser Energiehunger bedient werden sollen. Dann wird tatsächlich die Flächenkonkurrenz zwischen Lebensmittelproduktion und Industriepflanzen bedrohlich werden und wird die Landwirtschaft zur Industrie. Das aber sicherlich nicht mehr in Bauernhand."


Heinrich Breidenbach


Bildtexte:
Strom aus Wiesengras in Eugendorf. Hier ist der Öko-Kreislauf perfekt.
Foto: Heinrich Breidenbach
Biobauer Sepp Machreich: "Die Gefahr ist Gentechnik durch die Hintertür. Wir beobachten das mit Argusaugen."
Foto: Bio-Austria

 

Nachwachsende Rohstoffe:
Chancen und Risiken
Chancen
- Neue Produktionsmöglichkeiten für die Landwirtschaft
- Nachhaltig sichere Versorgung. Pflanzen wachsen - im Gegensatz zu Erdöl - nach.
- Klima schonend - ausgeglichene CO2-Bilanz. Das Kohlendioxid das bei der Verbrennung von Pflanzentreibstoff frei wird, wird beim Nachwachsen der Pflanzen wieder gebunden.
- Weniger Müll. Produkte aus pflanzlichen Rohstoffen können unproblematischer entsorgt und kompostiert werden.
Risiken
- Flächenkonkurrenz zur Produktion von Lebensmitteln.
- Zerstörung von Regenwald und Natur.
- Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion. Einfallstor für noch mehr Chemie, Kunstdünger und Gentechnik.
- Beibehaltung der Verschwendungswirtschaft.
- Industrielle Landwirtschaft in der Hand von Konzernen und nicht mehr in Bauernhand.
 


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