Journalismus
Meinung. Kommentare

zurück zur Übersicht
Regionale Schienen - Fachzeitschrift für Personen- und Güterverkehr, Nr. 32-2007


Berlin: Mobil mit Schiene und Rad



Ein Erfolgsmodell für Alltag und Freizeit


In der deutschen Hauptstadt ging in den Jahren 2004 und 2005 der Autoverkehr zurück. Es wird in der Innenstadt mehr mit Bahn und Bus gefahren, als mit dem privaten Pkw. Die Anzahl der Radfahrer nimmt zu. Und die guten Kombinationsmöglichkeiten von Schiene und Rad ermöglichen eine hohe Mobilität im Umweltverbund.


"Von meinen Bekannten" erzählt unsere Fahrrad-Führerin Judith Anderssen, "besitzen die meisten kein Auto, alle aber haben ein Rad." Die persönliche Wahrnehmung der Geografie Studentin deckt sich mit den nüchternen Zahlen. Von tausend BerlinerInnen haben laut amtlicher Statistik 678 kein Auto. Das heißt, rund jeder zweite Berliner Haushalt kommt ohne Auto aus. Damit hat Berlin die geringste PKW-Rate aller deutschen Großstädte. Auf Mobilität verzichten müssen sie deshalb noch lange nicht. "In Berlin bist du auch ohne Auto super mobil."
Judith Anderssen jobbt neben ihrem Studium für das Unternehmen "Berlin on Bike". Sie führt vornehmlich Touristen in Gruppen bis 14 Teilnehmern mit dem Rad durch Berlin. Im Angebot des erfolgreichen Freizeitunternehmens stehen jeweils vierstündige Themen-Touren wie "Berlin im Überblick", die "Mauer-Tour" oder "Oasen der Großstadt". Sogar eine "Nightseeing-Tour" ist dabei. Kreuz und quer wird mit einem Pulk strampelnder Touristen durch die Großstadt geradelt.
Geht das? Ist eine Metropole mit 3,4 Millionen Einwohnern ein Platz zum Radfahren? Noch dazu mit Touristengruppen?
Ja, absolut! Das überrascht den Besucher. Berlin kann man gar nicht besser erleben und kennen lernen, als mit dem Rad. Die Straßen sind breit. Radfahrer haben jede Menge Platz und natürlich ihre eigenen Radsstreifen- oder Wege. Derzeit sind es inklusive der Wege durch Grünanlagen und Parks rund 1.200 Kilometer Radwege. Die Autofahrer sind auffällig wenig aggressiv. Die Atmosphäre in der Stadt ist grundsätzlich entspannt und von der Haltung "leben und leben lassen" geprägt. Das "Zentrum" - das es eigentlich gar nicht gibt, sondern mit "Berlin-Mitte" viel besser umschrieben ist - ist weitläufig und großzügig.


Gute Voraussetzungen für ÖV und Rad
Die grundsätzlich günstigen Berliner Voraussetzungen für Öffentlichen Verkehr und den Radverkehr können folgendermaßen zusammengefasst werden: Berlin ist nicht auf ein Zentrum fixiert. Das Leben spielt sich in den Bezirken ab. Die gesamte Topografie ist fahrradfreundlich. Berlin ist flach. Breite Straßen mit ebenso breiten Radstreifen und Bürgersteigen bieten Platz für Radfahrer und Fußgänger. Diese profitieren auch von den zahlreichen Grünflächen und Uferpromenaden in der von Flüssen und Wasserwegen durchzogenen Stadt.
Das Netz an öffentlichen Verkehrsmitteln, bestehend aus U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahnen und Bussen ist vorbildlich. Selbst die Grünen, die in Berlin gegen die rot-rote Koalition aus SPD und "Linke" in harter Opposition stehen, bescheinigen der Stadt, dass dieses ÖV-Netz "in seiner Dichte und Taktfrequenz in Deutschland einmalig ist".
Dieses "einmalige" ÖV-Netz hat ein schienengebundenes Rückgrat aus U-Bahn, Straßenbahn und S-Bahn. Busse versorgen die Fläche.
Betreiber von U-Bahn, Straßenbahn und Bussen sind die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die "S-Bahn Berlin GmbH" ist eine Tochter der Deutsche Bahn.


Täglich zum Mond und retour
Es sind beeindruckende Zahlen, mit denen die Berliner Verkehrsbetriebe aufwarten können. Laut ihrem "Zahlenspiegel 2007" befördert sie täglich durchschnittlich etwas über 2,4 Millionen Fahrgäste. Die Streckenlänge der U-Bahnen beträgt 144 Kilometer und die der Straßenbahnen 189 Kilometer. Die Busse halten an 6.000 Haltestellen und befahren eine Strecke von 1.656 Kilometern.
Innerhalb eines Jahres fahren die Busse und Bahnen der BVG mehr als 250 Millionen Kilometer. Umgerechnet ist das jeden Tage einmal die Distanz zum Mond und wieder retour. Oder jeden Tag 18 Mal um die Welt. Diese Leistung wird von 11.310 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erbracht.
Aber damit nicht genug. Zu diesen Zahlen kommen noch die Verkehrsleistungen der S-Bahn Berlin, einer Tochter der Deutschen Bahn AG. Sie verbindet die City Berlin mit 15 Linien in alle Richtungen mit dem näheren Umland. Im Jahr 2006 benutzen pro Werktag 1,3 Millionen Fahrgäste die S-Bahn.
Und noch einmal zusätzlich sind sowohl die S-Bahn Berlin, als auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit 40 anderen Verkehrsunternehmen im "Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg" (VBB) mit abgestimmten Fahrplänen und einheitlichem "VBB-Tarif" zusammengeschlossen. In diesem Verkehrsverbund werden insgesamt täglich rund fünf Millionen Fahrgäste befördert. Zur Information: Das Land Brandenburg umgibt die Stadt Berlin.
Das exzellente Angebot erfordert einen enormen Aufwand. Allein das ständig am Rand der Pleite dahinschrammende Berlin butterte in der Vergangenheit jährlich 350 Millionen Euro als Zuschuss in die BVG. 2006 und 2007 waren es "nur" mehr 310 Millionen. Berlin ist schließlich laut Bürgermeister Klaus Wowereit "arm, aber sexy".


70:30 für den ÖV und Trendwende
Aber der Aufwand lohnt sich. Die Fahrgastzahlen schnellen nach oben. So verzeichnete zum Beispiel der Eisenbahnregionalverkehr zwischen Berlin und Brandenburg allein im zweiten Halbjahr 2006 einen Fahrgastzuwachs von 15 Prozent.
Das Match zwischen Auto und öffentlichen Verkehr (ÖV) könnte in Berlin der öffentliche Verkehr für sich entscheiden. Bereits heute werden laut Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung im ausgedehnten "zentralen Bereich" Berlins (historisches Zentrum, Regierungsviertel, Potsdamer Platz, Bahnhof) wesentlich mehr Wege mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt als mit dem Auto. Das Verhältnis liegt bei 70 zu 30 zu Gunsten von Bus und Schiene. Im Bereich der gesamten Stadt hat laut der letzten exakten Erhebung der Verkehrsmittelwahl (Modal Split) im Jahr 1998 das Auto noch die Nase vorne.
Für die Jahre 2004 und 2005 kann Berlin allerdings sogar auf Trendwenden bei den absoluten Zahlen des Autoverkehrs verweisen. So konnten etwa laut der für Stadtentwicklung zuständigen Senatorin Ingeborg Junge-Reyer nach Jahren des ständig steigenden Kfz-Verkehrs in den Jahren 2004 und 2005 erstmals ein Rückgang der absoluten Kfz-Verkehrsleistung auf den Straßen gemessen werden. Und zwar insgesamt um 0,5 Prozent.


Erfolg als Problem
Eine Besonderheit in Berlin sind die sehr guten Kombinationsmöglichkeiten von Schiene und Rad. Fahrgäste, die selbstverständlich mit dem Fahrrad U- oder S-Bahnen benutzen, sind an jeder Haltestelle zu sehen. Die entsprechenden Waggons sind immer von außen gut sichtbar mit einem Fahrrad gekennzeichnet. Das Einsteigen mit dem Rad ist - außer bei alten hohen Straßenbahngarnituren - problemlos. Die Kombination von Rad und Schiene macht extrem mobil und wird für Arbeit, Einkauf und Freizeit genutzt. Allein die S-Bahnen beförderten 2006 rund 18 Millionen Fahrgäste mit Fahrrad. Zehn Jahre vorher, 1996, waren es erst 11,5 Millionen Fahrradmitnahmen. Die durchgängige Möglichkeit zur Fahrradmitnahmen besteht bei den S-Bahnen seit August 1991. So viel Erfolg ist mittlerweile sogar bereits zum "Problem" geworden. Wie Gerd Weski von der Pressestelle der S-Bahn mitteilt, werden inzwischen "auf einzelnen Streckenabschnitten Auslastungen erreicht, die an Kapazitätsgrenzen bei der Fahrradmitnahme heranreichen." Die Strategie dagegen besteht im Ausbau von guten, überdachten Fahrradabstellanlagen an den Stationen und im zusätzlichen Aufbau eines Fahrradverleihsystems durch die Deutsche Bahn. Die obigen Zahlen beziehen sich nur auf die S-Bahnen Berlin. Die Berliner Verkehrsbetriebe können für die U-Bahnen und Straßenbahnen auf Anfrage leider keine Zahlen über die Fahrradmitnahmen zur Verfügung stellen.


Freizeitziele optimal erreichbar
Berlin ist umgeben von ausgedehnten Wäldern, zahlreichen wunderbaren Seen und Flüssen mit hohem Freizeitwert. Sie sind großteils mit den Bahnen in kurzer Zeit erreichbar. Die Kombination von Schiene und Fahrrad ist dabei unschlagbar attraktiv.
Der Autor dieser Zeilen hat unlängst vier Tage mit dem Fahrrad in und um Berlin verbracht und dabei die phantastischen Kombinationsmöglichkeiten von Rad und Schiene genutzt. Also etwa mit der S-Bahn bis Potsdam, mit dem Fahrrad zum nahen Schloss Sans Souci. Nach der Besichtigung zum Wannsee und über gut fahrradtaugliche Wege zurück bis nach Berlin. Als ebenso schön erwies sich die Kombination von Schiene und Rad für eine Erkundung des Spreewaldes per Fahrrad.
Gerade diese komfortable Erreichbarkeit des Umlandes und aller großen Freizeit-Ziele mit dem Öffentlichen Verkehr spielt eine zentrale Rolle dabei, in Berlin ohne Auto gut leben zu können.


Heinrich Breidenbach


zurück zur Übersicht