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Salzburger Nachrichten, 23. August 2008


Der Alltag bleibt an Land zurück


Die schönsten Momente des Segelns


Segeln ist mehr als Sport, Technik und Leistung. Es ist die Liebe zu Schiffen, Meer, Wind, Sonne, Buchten oder Inseln. Jeder Törn ist eine Sammlung schöner Augenblicke und Momente. Welche sind die Schönsten? Jede und jeder empfindet das anders. Aber die nachfolgenden Zwölf gehören jedenfalls dazu.


Von Heinrich Breidenbach


I. Auslaufen
Nudeln, Brot, Gemüse, Käse, Wurst, Bier und Wein sind gut verstaut. Der Wassertank ist voll, der Wetterbericht eingeholt, das Schiff gecheckt. Jedes Crewmitglied hat seine Rettungsweste und seinen Lifebelt ausgefasst und anprobiert. Die Seekarte liegt bereit. Ein Kurs ist abgesteckt.
Ein Blick noch auf Wind und Strömung. Motor starten. Leinen los!
Langsam schiebt sich das Schiff aus seiner "Parklücke" und der meist engen Hafengasse. Vorsichtig manövriert es an den anderen Schiffen vorbei und gleitet aus dem Hafen hinaus.
Jetzt fällt der Stress fällt ab. Freudvolle Erwartung steht in den Gesichtern. Wir tauchen ein in die kleine Welt des Schiffes auf dem großen Meer. Ab sofort zählen elementare Dinge: Wind und Wetter, Mut und Umsicht, Freundschaft und Verlässlichkeit, Essen und Trinken…
Der Alltag bleibt an Land zurück.


II. Motor aus!
"Hat man die Segel gesetzt, schläft der Wind ein." Die alte Seemannsweisheit verweist auf die Launen des Windes. Allzu oft bläst er gar nicht. Was bleibt ist der Motor. An sein gutmütiges Tuckern gewöhnt man sich schnell und nimmt es nicht mehr bewusst wahr.
Wenn aber die Segel gesetzt sind und der Wind trotzdem weiter bläst, folgt ein großer Augenblick: Motor aus! Stille. Einen kurzen Moment lang "herrscht" sie tatsächlich, um dann durch andere Geräusche abgelöst zu werden. Der Wind füllt mit einem leichten Wummern die Segel und singt im Rigg, die Bugwelle plätschert die Bordwand entlang und verliert sich leise gurgelnd am Heck.
Das Segelboot hat nun neben dem Wasser sein zweites Element gefunden und pflügt mit der Kraft des Windes die Wellen. Spätestens jetzt lieben Segler jedes Schiff, und sei es der letzte Kahn.


III. Flotte Fahrt und Meeresgammeln
Es ist wie mit dem herrlich leichten, staubenden, knietiefen Pulverschnee. Nämlich selten! Wann gibt es sie schon wirklich, die optimalen Bedingungen für das Segeln? Steife Brise, wenig Welle, schönes Wetter, eingespielte Crew, gutes Schiff, kraftvolles Schneiden des Wassers.
Dem Genießer aber schlagen auch bei wenig Wind und ruhiger See herrliche Stunden. Die Segel sind leicht gebläht. Das Schiff zieht langsam durch das freundlich, ruhige Wasser. Nur hinten am Heck verraten die Wasserwirbel, dass auch drei bis vier Knoten Fahrt durchaus Geschwindigkeit sind. Die Stimmung ist gelassen. Es gibt wenig zu tun. Die Sonne wärmt, das leichte Schaukeln beruhigt. Lesen, sonnen, auf das Wasser schauen, palavern. Und jetzt Musik. Vom Glücksfall, einen guten Musiker an Bord zu haben, gehen wir hier nicht aus. Aber ein CD-Player oder ein Kassettenrecorder findet sich auf fast jedem Schiff. Welche Musik? Keine Empfehlung. Wie es Euch gefällt.


IV. Delfine
Ein Ruf elektrisiert das ganze Schiff. Delfine! Das Erscheinen der sympathischen Gesellen ist ein Höhepunkt jedes Segeltörns. Elegant tauchen die silbrig glänzenden Rücken aus den Wellen auf. Mit Glück kommen sie ganz nah, spielen mit dem Schiff, tauchen unter dem Rumpf durch und springen übermütig aus dem Wasser. Der Mensch fühlt sich fröhlich begleitet. Delfine überbringen dem Seefahrer einen freundlichen Gruß des Meeres.
Sagenhafte Geschichten ziehen sich durch Literatur und Erzählungen. Bernard Moitessier, legendärer französischer Einhand-Weltumsegler, behauptete in seinem Bestseller "Der verschenkte Sieg", dass Delfine ihn vor dem Auflaufen auf gefährliche Riffe vor Neuseeland gewarnt haben. Zwei junge Delfine hätten ihn sogar im Auftrag ihrer Schule über mehrere Tage bis in sichere Gewässer begleitet. Wahrscheinlich ist diese schöne Geschichte nur gut erfunden. Aber sie spiegelt eindrucksvoll das Empfinden des einsamen Seglers.
Angeblich kann man Delfine mit Musik, Singen, Geklapper oder trommeln an die Bordwand unterhalten. Immer klappt das nicht. Ich habe ihnen einmal mit einem Tiroler Freund das Kufsteinlied vorgesungen. Da drehten sie ab.


V. Endlos viel Platz
Ja, es ist ungewohnt eng an Bord. Jede Segelyacht ist ein übernutzer Raum. Ein paar Quadratmeter beherbergen Kojen, Küche, Toilette, Stauraum, Motor, Segel, Elektronik, Tauwerk, Anker, Werkzeug, Beiboot, Menschen,…
Manche meinen, sie könnten diese Enge nicht aushalten.
Jetzt muss ein großes Aber folgen. Ein Schiff bietet endlos weiten Raum um sich. Einfach da sitzen, an nichts denken und auf das Wasser schauen. Schon gibt es endlos viel Platz. Diese Kunst ist erlernbar.


VI. Sonnenuntergänge
Der kroatische Dichter Predrag Matvejevic spürt in seinem großen Werk "Der Mediterran" ebenso kenntnisreich wie poetisch der Seele des Mittelmeeres nach. Über die Beschreibung von Sonnenuntergängen äußert er sich kritisch und warnt vor Redseligkeit: "Die Sonnenuntergänge an der Küste und am Meer wiederholen sich immer und immer wieder. Und jedes Mal werden sie von neuem beschrieben, sogar öfter, als ihnen gut tut."
Diese Warnung wird täglich tausendfach in den Wind geschlagen. Wir können es nicht lassen, die Sonnenuntergänge zu bestaunen, zu fotografieren, zu besingen und zu beschreiben. Das muss seinen guten Grund haben. Ein Sonnenuntergang am Meer ist ja tatsächlich… Ach was! Sie wissen schon.


VII. Abend und Morgen in der Ankerbucht
Irgendwann gegen Abend wird am Meer das harte, gleißende, flirrende Sommerlicht milder und taucht Wasser, Land, Gebäude und Menschen in sanfte, kräftige Farben und Formen. Die Hitze lässt nach. Die Sonne brennt nicht mehr auf der Haut, sondern streichelt und wärmt sie. Am schönsten ist es jetzt in einer kleinen, gut geschützten Ankerbucht. Die Abendstimmung ist die Erfüllung eines Tages am Wasser. Jetzt bleiben können, sich auf die letzten Sonnenstrahlen freuen, noch einmal schwimmen gehen, nachher den warmen Pullover genießen, auf das Abendessen und den Sonnenuntergang warten. Das ist ein schönes Stück Leben.
Am nächsten Morgen wartet wieder ein Privileg des Ankerliegers. Der Sprung, direkt vom Boot in das Meer. Ein paar kräftige Tempi, dann lockt der Morgenkaffee an Bord zurück. So beginnt ein nächster schöner Tag.


VIII. Landgang
Letztes Jahr im kleinen Hafen Milna auf der kroatischen Insel Brac erforderte er nur einen einzigen großen Schritt. Wir hatten längsseits direkt vor der Hafenkneipe angelegt, nur für ein Glas Wein. So kurze Landgänge sind die Ausnahme.
Ansonsten laden Hügel mit phantastischer Aussicht, verwachsene Inselwege, Buchten, Ruinen, alte Leuchttürme, hübsche kleine Städte und Dörfer, blühende Wiesen, Ginster und Salbei, Olivenhaine, bestellte Felder, Kirchen, Friedhöfe, Bars oder Märkte zu längeren Landgängen ein. Ein bisschen dürfen sich Seefahrer dabei jedes Mal als Entdecker fühlen.
Jetzt nur keine Eile! Das Meer läuft nicht davon.


IX. Essen
Welche Begeisterung kann ein Teller Spaghetti, können ein paar Happen Käse, Wurst, Tomaten, Paprika und Oliven auslösen! Wie gut kann eine Tasse Kaffee mit ein paar trockenen Keksen schmecken! Im stressigen Alltag kostet es oft nur Zeit und macht müde, auf See bekommt das Essen wieder seinen Stellenwert als zutiefst vitaler Vorgang. Eine gute Küche ist der halbe Törn.
Wenn die See ungemütlich und die Stimmung ängstlich ist, wenn das Meer zeigt, dass der Mensch hier trotz allem nur ein Fremder ist, dann ist Essen immer ein Aufheller. Essen schafft vertraute Normalität. Wo ich koche, bin ich zu Hause. So lange ich esse, lebe ich.


X. Alkohol
What shall we do with the drunken sailor…? Der Teufel Alkohol und die christliche Seefahrt sind eine lange und intensive Liaison eingegangen. Einschlägige Traditionen, wie der gute Schluck nach jedem gelungenen Manöver, leben vital fort. Massenhaft können wir an allen Charterbasen schwitzende Freizeitsegler beobachten, die redlich schuftend Palette um Palette von Bierdosen für einen Wochentörn an Bord schleppen. Eine kurze Überschlagrechnung, Dosen durch Tage und Personen, ergibt beängstigende Resultate. Gelegentlich artet es aus. Reine Männercrews sind besonders gefährdet. Ein bewährtes Mittel dagegen sind Frauen an Bord. Alle Seemannslegenden über Frauen, die auf Schiffen angeblich Unglück bringen, sind Unsinn. Frauen entfalten eine wohltuend zivilisierende Stimmung, auch in Punkto Alkohol.
Trotzdem kommen wir um eine Feststellung nicht herum. Ein Zufall ist die enge Beziehung des Alkohols mit der Seefahrt nicht. Ein Glas kühler Weißwein, die Flasche Rotwein am Abend in der Ankerbucht. Das ist und tut schon gut!


XI. Müdigkeit
Viel bewegen sich Segler auf ihren wenigen Quadratmetern ja nicht. Aber der Körper hat viel zu tun. Er muss die ungewohnte ständige Bewegung des Schiffes ausgleichen. Wind, Sonne und die sanft wiegenden Wellen tun ein Übriges. Auf See stellt sich wohltuende, gute, echte Müdigkeit ein. Schlummernd im Bauch des Schiffes, umgeben vom sanft wiegenden Wasser, so gesehen erinnert der "Bauch" des Schiffes an den Mutterbauch und vermittelt ein tiefes Gefühl von Geborgenheit.


XII. Ankommen
Das Ankommen ist ein Zauber der Seefahrt. Schemenhaft tauchen zuerst die Konturen einer Insel, eines Berges oder Hügels aus dem Meer auf. Langsam, ganz langsam werden die Konturen deutlicher. Jedes Mal, wenn sich der Blick nach vorne richtet, ist das Ziel näher gerückt. Eine Burg, eine Stadt, eine Kirche, ein Dorf, eine Bucht oder ein Hafen werden sichtbar. Farben treten hervor, beginnen zu leuchten. Licht und Schatten. Schiffe und Menschen. Es ist ein freudiges Erkennen und stolzes Orientieren. Siehst Du, dort ist die Einfahrt! Jedes Anlegemanöver ist eine neue Herausforderung. Nie sind die Verhältnisse gleich. Aber dann ist man da.
Gut geschützt in einer Ankerbucht oder sicher vertäut in einem Hafen zu liegen, das sind die Gegenpole zur Fahrt draußen auf dem Meer. Es ist kein Zufall, dass das Wort "Hafen" umfassend für Sicherheit, Geborgenheit und Angekommen sein steht. Man denke nur an den "Hafen der Ehe", oder daran, dass arabische Seefahrer einer sizilianischen Stadt in großer Dankbarkeit den Namen "Marsala", Hafen Allahs, gaben.
Wer hinausfährt will auch wieder ankommen.


Heinrich Breidenbach


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